Montag, 22. Oktober 2012

So traulich und so hold

...als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt...............

Nachdenken muss erlaubt sein. Immer. Nachdenken kann heilsam sein, wenn es die richtigen Punkte trifft, wenn es sich die verworrenen und auf den ersten Blick undurchschaubaren und noch undurchschauten Verhältnisse offenlegt, betrachtet und Schlüsse daraus zieht, mit denen es dann wieder ins Leben geht.

Die Dr.Jiggle-und-Mr.-Hyde-Episode gestern hat mich verstört zurückgelassen. Ich kann mich abwenden, brüsk werden, die Kommunikation abbrechen. Doch jedes Tier, das in die Hände eines solchen verwilderten, sadistischen Wesens kommt, kann einem nur Leid tun!

Auch in meiner Kindheit gab es die, die im Schwimmbad die Frösche aufbliesen und dann wieder aufs Wasser setzten. Mein letzter Spaziergang am Schlachtensee endete in einem Fiasko mit Fischquälern, die man heute Sportangler nennt. Seitdem meide ich Gewässer, wenn ich mich entspannen möchte.

Jeder Anblick einer Fleischtheke im Supermarkt ist mir mittlerweile mehr als widerlich, bei Milch und Joghurts geht es mir genauso.

Ich habe eine Bio-Freiland-Hühnerfarm in Mecklenburg besucht. Immerhin haben sie mich hineingelassen. Es war die 25. Woche von 55, die diese Hühner leben dürfen. BIO!!! FREILAND!!! Danach werden sie geschlachtet, der Stall ERSTmals ausgemistet, neue hineingesetzt. Noch drei Tage später hatte ich das stechende Ammoniak in der Lunge. Alle Hühner waren IM Stall. Das Freiland war Asphalt, es gab keinen Kot darauf zu sehen. Alles war vollautomatisch, eine Person genügte, um die elektronischen Anlagen für 18.000 Hühner in sechs Großställen zu überwachen. Die Eier kamen automatisch angerollt. Alles war vollelektronisch, nur die Vorrichtung zum Hinauslassen ins Freie bestand aus mechanischen Handkurbeln....Seitdem habe ich AUCH ein großes Problem mit dem Essen von Eiern.

Ich gehe durch die Stadt. Sehe Schilder, auf denen Restaurants ihre Speisen anpreisen und sehe nur Mord und Totschlag.

In der SZ ein Artikel, wo Starköche fleischfrei kochen, angeblich. Ich sehe hinein und - man hat dort Zander, Jakobsmuscheln, Crevetten auf dem Teller. Gehts noch???

Was soll man noch sagen? Unsere Welt, die wir und in der wir uns für so zivilisiert halten, ist voller GewaltGewaltGewalt. Und jetzt gehe ich hin und zeige diesen Jungen bei der Klassenlehrerin wegen seiner sadistischen Rede an? Es wird im übrigen niemanden interessieren, falls ich es täte.

Fragen über Fragen.

Warum habe ich die Tür auch offen gehabt? Ich arbeite gern bei offener Tür. Aber wenn das, was an Gedanken dann bei mir vorbeischaut, so ist, dann bedauere ich das.

"Sei nicht so empfindlich," sagt jetzt die Front der unnachdenklichen  Selbstbehauptungsexperten. Als würde es mir besser gehen, wenn ich die drei Affen gebe: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Nicht bin ich auf dieser Welt, um nichts zu sehen, nichts zu hören und nichts zu sagen. 

Ich versuche, dahinterzukommen, warum ich in dieser Nacht kein Auge zutun konnte. Demzufolge bin ich nun "gerädert", ein Wort, das aus  aus mittelalterlicher Folterpraxis stammt.

Ein Grund für den Gedankenkreisel, der sich nicht abstellen ließ, war dieser merkwürdige Junge von gestern.

Hatte am Nachmittag das Gefühl, mich entspannen zu müssen, sah mir in der ZDF-Mediathek einen unsäglichen Fjordschmonzfilm an, aber wenigstens keine Leichen drin hatte. Manchmal brauche ich so etwas.
Dort gab es eine Erzieherin und so schöne nette, liebe Kinder.

"Meine" sind nicht so. Sie haben viel Liebenswertes, aber auch viel Ungezügeltes, Distanzloses, manchmal auch Gemeines und Hinterhältiges. Sie wissen nicht, was Ruß ist oder wo der Ärmelkanal oder Griechenland liegt. Manchmal hab ich damit Probleme, dass quasi alles, was sie wissen, von einem selbst kommt. Ich habe ihnen tausendmal erklärt, gezeigt, wie die Bäume und die Blätter aussehen und wie sie heißen, und sie wissen es immer noch nicht. Aber durch die Bank weg. Ich bin nicht ihre Mutter oder ihr Vater. Ich bin bloß die Lehrerin. Die sollte aufgreifen und ordnen, was die Kinder schon wissen und ihnen Neues "beibringen", aber, wenn sie ihnen fast alles selbst beibringen muss, das ist doch eine Katastrophe.

"Wo ist Dein Witzebuch zum Vorlesen-Üben, Peter?", fragte ich ihn gestern. "Zu Hause, vergessen." Die Antwort. Drei Tage lang lag seine angefangene Handyhülle in der Klasse, alle Materialien, alles, was er brauchte, lag daneben. Er hätte nur weitermachen müssen. Er kann filzen und walken. Er wusste, dass das Zeug da lag. Er rührte es nicht an.

"Also, wir müssen bald die Gutachten für den Übergang zur Sekundarstufe fertigstellen. Vorher machen wir noch viele Gespräche miteinander. Ich weiß aber jetzt schon, dass mehr von Euch aufs Gymnasium wollen als sie die Fähigkeiten haben, auch dort bleiben zu können. - Was braucht man, um erfolgreich dort arbeiten zu können? Fleiß. Nochmal Fleiß. Wer, wenn er in die Disco möchte und noch Hausarbeiten für drei Fächer von je zwei Stunden am Wochenende hat und sich dann für die Disco entscheidet, der sollte besser eine andere Art Schule wählen. Zweitens: Initiative." "Initiative? Was ist das", fragt Ali. "Dass Du von selbst etwas anpackst, Ideen hast und probierst, ob sie funktionieren. Dass Du nicht wartest, bis alles zu Dir herangerollt kommt, am besten noch mit einer Helfertante, die Dich am Händchen nimmt und Dir genau erklärt, wie Du alles machen sollst. Selber denken macht schlau. Mal was von selber anfangen. Und sehen, wie es geht, dann was verändern, dass es besser geht, das ist Initiative. Die brauchst Du, um Erfolg zu haben."

Ich rede, wie eine Mutter mit ihrem Kind redet. Wie eine Mutter, die ihrem Kind die Welt erklärt, damit es einen Begriff davon bekommt, wie das da draußen alles so funktioniert  und damit es Orientierung entwickeln kann, wie es mit seinen Fähigkeiten und Eigenschaften sich am besten weiterbringt. Ich rede mir den Mund fusselig. Ständig in der letzten Zeit.

Niemand muss mit zwölf Jahren das Wort Initiative kennen.
Man sollte aber über etwas von dem verfügen, was das Wort ausdrücken möchte.

"Ich erzähle Euch das vorher, damit Ihr das einschätzen könnt, sonst erzählt Ihr später, diese Lehrer, diese Rassisten, die haben Euch einfach keine Gymmiempfehlung geben WOLLEN. Und ich gebe nur eine Gymnasiumsempfehlung, wenn ich mir sicher bin, dass derjenige da auch BLEIBEN kann. Aber wir sind in Berlin. Ihr könnt ja Gott sei dank machen, was Ihr wollt. Nur, Ihr müsst dann auch die Verantwortung für die Folgen tragen. Die Kinder, die ich bisher empfohlen habe, die haben es auch geschafft, dort erfolgreich zu arbeiten und zu bleiben. Und wie gesagt, hier in Berlin führen viele Wege zum Abitur. Man kann es so oder so oder so machen. Um Fleißigsein kommt keiner herum. So oder so. Und 90% des Erfolgs sind immer --- Fleiß! (Mantra)"

Die ss-undß-Blätter. Wir haben es erklärt, nun macht mal. "Alles?". fragt Ali. "Mach mal," sage ich. Es sind vier Blätter mit Lückentexten. Es sind 122 Entscheidungen, Buchstaben einzusetzen. Ist das viel? Nach den ersten beiden Blättern fragt Ali: "Kann ich aufhören?" "Mach weiter." "Das ist zu viel." "Das ist nicht viel." "Ich bin müde." "Dann geh früher ins Bett und spiele weniger Games bis in die Nacht." Mäkelnd schreibt er weiter.

Es nützt nichts, Ali zu fragen, was er werden möchte. Die Schattenwirtschaft in der Familie funktioniert vermutlich wunderbar als Ergänzung zum Hartz 4. Das will er später genauso weiter machen. Hat er schon genau so einmal gesagt. Wozu sich anstrengen? Ich mach Hartz 4. Wahrscheinlich kennt er keinen Mann, der sich ständig richtig doll anstrengt, da fehlt ihm ein Vorbild, und ich gehe davon aus, dass um ihn herum ein ordentliches Helferballett zugange ist. Es funzt also alles. Für ihn ist das alles im grünen Bereich.

Wozu sich anstrengen? Ich rede schon wie Buschkowsky. Aber das ist Alis subjektive  Wirklichkeit und unser Alltag in der Schule. Er ist nicht so, wie sich deutsche Sentimentalfilmer das beschauliche Leben am norwegischen Fjord vorstellen. 

Nach drei Blättern: "Ich hör auf, ich kann nicht mehr." "Du machst weiter." Er macht weiter. Wer hat jetzt die Anstrengung gehabt? Er? Ich? Wir beide?

Jetzt komme ich wahrscheinlich zu den Schichten, die mein  tatsächliches Elend ausmachen. Ich bin nämlich derzeit und auf absehbare Zeit die Notensammlerin.

Mein Unterricht ist zu einem Notensammelunterricht geworden. Andauernd schaue ich, dass ich auch genügend Noten zusammenkriege. Wozu? Für die Gutachten. Klassenarbeiten. Nicht jeder Stoff eignet sich, um abgeprüft zu werden. Die interessanten Themen eher weniger... Alle wollen zum Gymnasium. Ich gebe dann die Dreien und dann geht der Ärger los, wenn ich nicht BEWEISEN kann, dass das dann tatsächlich rechnerisch keine Zwei ist. Es reicht nicht, wenn ich das weiß. Auseinandersetzungen, möglicherweise juristische, liegen in der Luft.

Hier liegt "der Hund begraben". Genau hier. DAS MACHT MICH KRANK.

Ich bin die Eier legende Wollmilch-Pädagogik-Sau. Alles soll ich schaffen. SPANNENDEN, interessanten Unterricht geben, gerne, aber dann hab ich den Blick nicht so auf den Noten.
Hab ich den Blick aufs Abfragbare, dann fällt mir nichts Spannendes dazu ein. Interessante Dinge sind projekthafte Dinge, das benötigt Freiheit. Da kann ich auch Noten geben, das passt aber nicht so dazu. 

Zur Zeit mache ich mehr das so bulimisch: Fressen und Kotzen. Lernen lassen und auf Abfragbögen auskotzen lassen, die dann so ausgewertet werden, dass am Ende eine Zahl steht.

DAS macht mich fertig, und das ist der tiefere Grund für mein Nicht-Schlafen-Können in der Nacht.
 
Es kotzt mich nämlich selber an. Ich trau mich aus Zeitnöten nicht mehr, die schönen Sachen zu machen oder die Dinge sinnvoll zu machen, d.h., mir Zeit dazu zu nehmen. Habe die schöne Steinzeit-Lektüre abgebrochen, mündlich zu Ende erzählt, muss noch viele Textsorten vermitteln, Grammatik, mir wirbelt es im Kopf, wenn ich nur daran denke, was die Schüler alles wissen sollen, wenn sie diese Schule verlassen.

Schule Skolé Muße, alles nix damit.

Gestern war das erste Übergangsgespräch mit einer Mutter. Auch das ging mir nachher noch  durch den Kopf. Welche Schule, wo M. nicht untergeht? Da gibt es nicht viele Möglichkeiten. Die kleinen Hauptschulen sind verschwunden. Es gibt nur noch diese großen Sekundarschultanker, wo ich auf einen solchen drauf blicke, wenn es nachher hell wird. Zwölfhundert Schüler in der Mehrzahl von 13 bis 17 Jahren. Da geht die Post ab. Und dazwischen unsere kleine Marie? Nee, das geht gar nicht. Aber was geht? Das ist schon mal die schwierigere Frage.

Nachdenken muss erlaubt sein. Auch am Ausgang einer Nacht, an deren Ende man sich "krank melden" wird, weil man nicht schlafen konnte und alles weh tut.
Das gibt sich wieder.  ; )   Aber ALLES braucht SEINE Zeit.

Bin Selenas Mutter dankbar, dass sie, die sich heute extra freigenommen hatte und mit ihrem Mann zusammen zum Gespräch kommen wollte, am Telefon Verständnis für mich hatte. Danke!!  : )

Hoffe, dass mir diese Gedanken jetzt helfen, das alles in eine Ordnung zu bringen und meine Perspektive dazu zu finden. Das ist auch ein Stück Arbeit, die im Sinne eines einigermaßen akzeptablen Unterrichts getan werden muss. Dann kann es weiter gehen.
                                            
1. Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

2. Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

3. Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.
.....
7. So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbarn auch!

Matthias Claudius 

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