Freitag, 21. September 2012

Wenn wir jetzt noch gesungen hätten....

....wäre es perfekt gewesen.
Ein Freitag. Siebte Schulwoche. Noch eine Schulwoche, dann sind zwei Wochen Ferien. 

Wollte heute früh nicht aus dem Bett, immer noch: Eine Minute, eine Minute... Um 7 Uhr 40 saß ich dann auf dem Fahrrad und kam rechtzeitig an, um die Klasse aufzuschließen. Hi Vanessa! Schön, Dich zu sehen! Vanessa, die Studentin im Praktikum, hilft hier und da und unterstützt die einzelnen Aktivitäten der Kinder.

Zuerst der zweite gemeinsame Anlauf mit dem Erweitern der Brüche, nochmal alles ganz auf Anfang gestellt und gemeinsam sich durchgedacht. Wer hat es verstanden? Außer vier Kindern melden sich alle. Sind wir also einen Schritt vorangekommen...
Dann beschäftigen sich alle mit ihren verschiedenen Arbeiten.

Wo ist denn die Ems?

 
 Auch so lassen sich die Flüsse und Mittelgebirge üben.

 
Oder so: Alle Schildchen runternehmen und versuchen, sie richtig wieder draufzusetzen.


 Zum Schluss stimmt es dann wieder.

Ronaldo und Bastian üben drüben ihr Referat über den Bernstein und halten es dann auch. Sie machen das sehr gut. Besonders der zarte Ronaldo zeigt viel Wissen und Selbstbewusstsein beim Vortrag ohne Notizen. Von Bastian weiß man, dass er gut vortragen kann. Es ist ein schönes, kleines gemeinsam erstelltes und partnerschaftlich vorgetragenes Referat. Von den Mitschülern gibt es Kritik und Notenvorschläge, die beiden Referenten  erhalten eine 1 - dafür und sind mit Recht stolz auf ihre Leistung.

Zu den Tagesarbeiten gehört auch das Rechtschreiben. Bastian, Messi und Hans gehen ihr gestriges Prüfungsdiktat mit dem Wörterbuch durch und geben die Texte dann ab.

Andere diktieren sich etwas oder üben im Heft. Ali zeigt sich heute besonders übungsbereit, fragt nach, lässt sich Aufgaben erklären und ist dann für die nächsten zwanzig Minuten abgetaucht, bevor er die fertige Übung in lesbarer Schrift und richtig präsentiert. Ha, wenn er will! Dann kann er etwas leisten. Wir ziehen ihn immer damit auf, dass sein Stundenplan an allen Tagen in allen Stunden das Fach "Spaß" verzeichnet. Er nimmt es nicht übel.

Mario hat große Schwierigkeiten, sich mit Erdkunde zu beschäftigen. Gestern hat er nur Knete in der Hand herumgedrückt, heute sieht er etwas seine Felle davonschwimmen. Er wendet sich mehrfach zur Lehrerin und möchte das alles so präsentiert haben, dass er es üben kann, wie er meint, also irgendwie vorgekaut. Ich fordere ihn auf zu beobachten, wie die anderen Kinder das lösen und selbst aktiv zu werden. Das gelingt ihm nicht. Er hat es aber auch gar nicht probiert. Wie man das macht, hatte ich ihm gestern schon genau auseinandergesetzt. 
Genauso war es damals bei der Erarbeitung der Orientierung mit der Karte. Er saß teilnahmslos dabei und kam gar nicht auf die Idee, sich mit den Aufgaben selbst zu beschäftigen. Heute sah das ganz ähnlich aus. Er zeigt sich sehr unselbständig, sucht nicht nach Wegen, sondern erwartet, dass man ihm Wege zeigt und mit ihm genau durchgeht. Nun ist es aber auch nicht zu viel verlangt, wenn man erwartet, dass er mit dem Atlas und den anderen Kindern seiner Gruppe einiges, das fehlt, auf seinem Relief komplettiert. Fereba macht das ganz alleine, denn Peter fehlt heute.
Irgend ein Link fehlt Mario, er kann nicht zugreifen. Er übernimmt für sein Lernen noch keine Verantwortung, sucht noch keine Wege, ist nicht wirklich aktiv und kommuniziert nicht mit den anderen.
Entnervt holt er sich endlich sein Rechtschreibheft und übt darin ein wenig. Schade. Er zeigt sich als ein starker "Underachiever", denn eigentlich ist er ein kluger Junge. Doch heute ließ ich ihn schmoren, denn er machte einen auf kleiner hilfloser Junge und das passt nicht so recht zu ihm insgesamt.

Mesut und Ali üben drüben  ihr Referat über die Jugendherbergen, das sie am Montag vortragen wollen. Tobi und Bastian fungieren als Zuhörer und Kritiker. 

Wir verbringen die letzte gute halbe Stunde mit dem Lesen in unserem Steinzeit-Buch. Dilgo späht durch die Zweige und sieht eine Siedlung mit riesigen Häusern. Er kann sich nicht erklären, wie man so hohe Häuser bauen kann, in denen fünf seiner Hütten in der Länge und drei in der Breite Platz hätten und die so hoch wie ein ausgewachsener Kirschbaum sind.. Wie kommen die schweren Balken in diese Höhe? Dann sind sie auch noch gespalten und bearbeitet. Wer schafft so etwas? Mit seinen Pfeilklingen wäre das nicht zu schaffen. Dann sieht er das Rutengeflecht zwischen den Balken und diese komische braune Erde, die sie da raufschmieren. Das sind die Wände...Es ist klar, dass eine solche Lektüre ein unglaubliches Reservoir für Wortschatzarbeit ist, wenn man sich die Zeit dazu nimmt. Wir nehmen uns die Zeit dafür. Es ist sehr, sehr ergiebig.

Dann räumen wir auf, legen alles Wichtige in die Wochenmappe. Diese kommt in den Schulrucksack, damit die Eltern Einblick nehmen können und es mit ihrer Unterschrift bestätigen. So wissen sie immer, was ihr Kind in der Schule so macht.

Marie. Gestern war es ihr unangenehm. Sie konnte nicht mit den anderen rechnen. Sie möchte es aber, denn sie will Tierpflegerin werden. Am liebsten im Zoo. Doch dort will man gute Zeugnisse sehen. Marie hat vor kurzem lesen gelernt. Heute diktierte sie einem Mitschüler einen Text, das war eine Leseübung für sie. Im Rechnen steht sie in einigen Bereichen auf dem Stand der zweiten Klasse, bei der Bruchrechnung hat sie die anschaulichen Teile wunderbar bewältigt. Sie will jetzt mehr, aber sie kennt das Teilen noch nicht.
"Wollen wir uns die Zeit dafür nehmen, auch wenn die anderen schon spielen?" Sie antwortet auf meine Frage mit Ja. Wir beide sitzen zusammen und erklären uns das Teilen.

 
  
Ganz viele Aufgaben gehen wir durch und schreiben sie  ins Heft, z.B. haben wir hier 24 Bonbons und wollen sie auf drei Kinder aufteilen. Marie legt und rechnet und macht das sehr gut.




Es zeigt sich, dass sie alle Einmaleinsreihen wieder vergessen hat, die sie schon einmal konnte. Sie bekommt eine Art Quiz zum Üben, denn das muss jetzt bald "sitzen".


 


"Marie, ich helfe Dir beim Rechnen und Du hilfst mir beim Aquariumreinigen, wollen wir das so machen?" Sie wählt sich noch Lucy dazu.
Wir lösen noch Aufgaben zum Erweitern von Brüchen auf anschauliche Art. Dann reicht es.


Das hier entdecken wir dann: Eine Wasserpflanze "schickt" Blüten nach oben ins Trockene, um sie von Bienen und Schmetterlingen befruchten zu lassen....Interessant! Sie vermehren sich mit Ablegern unter Wasser und bilden auch Blütenableger, die nach der Befruchtung sicher wieder ins Wasser zurücksinken und neue Pflanzen bilden. Ohhhh, sind die Guppies viele geworden!!! 

Lucy hat schon einmal bei der Zoohandlung am Herrmannplatz gefragt, ob wir welche bringen könnten. Wir dürfen. Aber heute wollen wir nur reinigen. Marie kann wunderbar selbstständig mit dem Absaugeschlauch umgehen, sie kann sogar die Filterpumpe eigenhändig ausbauen, reinigen und wieder einbauen. Und immer zuerst den Strom ausstellen, bevor man ins Wasser fasst!

Wir drei reinigen das Aquarium zusammen, dann ist es 13 Uhr, über eine Stunde haben wir mit Rechnen und dem Aquarium verbracht. Schön war es, entspannend und lehrreich.
Dann gehen wir alle drei in unsere Freizeit!

Donnerstag, 20. September 2012

Kokos nasse Küsse und Blick vom Jenner

Der Vertretungsplan heute sah aber gar nicht gut aus. Was ist mit diesen jungen Leuten aus der Baby-Boomer-Generation bloß los? Na, ich will mich nicht unbeliebt machen..Förderstunde war heute auch nicht, nichts mit Breitengraden, nein, zwei Stunden Vertretung, wenigstens aber in der eigenen Klasse.
In der zweiten Stunde kam die Dame von der Zahnprophylaxe. War etwas stolz, als sie nach dem Wort fragte und, aus welcher Sprache das wohl sei..."Griechisch", rief es ihr entgegen. Innerlich den Daumen hochgenommen - toll! Sogar mit dem Wort "Individual-"(prophylaxe) konnte Selena etwas anfangen, "einzeln", sagte sie, "einer allein."

Wir putzten uns zum Schluss nochmal alle schön die Zähne, jeder mit einer Zahnbürste, die er oder sie geschenkt bekam. Das lass ich mir nie entgehen. Diese Zahnbürsten sind nicht so Formel-1-mäßig aufgemotzt wie die, die man zu kaufen bekommt und ich bekam eine schöne türkisgrüne Zahnbürste, und putzte gleich kräftig mit. Es war schön, so vor der Hofpause, sich mit der Zungenspitze über die glatten Zähne zu fahren.

 Die Kinder lieben ihn: Koko. Er musste auch in der 6. Klasse aus  seinem Versteck und zu ihnen kommen. Hier schaut er erstmal zu. Dann zeigt er, wie das Zähneputzen richtig geht und gibt zum Abschied SEHR NASSE KÜSSE, sie sind besonders beliebt: Er hat eine kleine Spritze im Mund, und immer, wenn er zum Abschied jemanden auf die Wange küsst, spritzt es aus seinem Mund heraus und alle sind hellauf begeistert.
Tschüss, Koko, bis zum Frühling - einmal noch sehen wir Dich wieder!


In der ersten Stunde kümmerten wir uns um die Brüche, nämlich, was es bedeutet zu erweitern. Das einzuführen, war zwar der Stoff der 5. Klasse gewesen und stand somit auch im Lehrbuch für diese Klassenstufe, aber wir kannten das noch nicht. So etwa acht Kinder hatten verstehende Gesichter, die anderen legten die Stirn in Falten und schauten etwas verquer. Mathe ist angewandter Umgang mit Realität in einer spezifischen, verkürzten Sprache. Also schnitten wir gemalte Pizzen oder Schokoladentafeln auf, damit man verstehen kann, dass 4/8 eben nur ein paar Schnitte mehr sind als 1/2 und dass das von der Menge her genau das gleiche ist. Rechnerisch multipliziert man Zähler UND Nenner, der Wert bleibt gleich. Doch das bleiben so genannte Böhmische Dörfer, wenn man nicht verstanden hat, WAS durch diese knappe Sprache in Wirklichkeit ausgedrückt wird. Damit schlugen wir uns also herum. Es war vermutlich so ein ganz guter Anfang, es kam mir jedenfalls so vor.

Teiler und Vielfache, das war bereits bekannt, schön, das übten wir in der 3. Stunde und kontrollierten es gemeinsam, in einer sehr intensiven partnerschaftlichen Arbeitsphase. Es saßen immer zwei Schüler zusammen und berieten sich.

In der vierten Stunde konnte man wählen, ein jungsteinzeitliches Dorf, wie in der Lektüre beschrieben und im Geschichtsbuch illustriert, mit allen typischen Merkmalen zu malen oder im Diktatübungsheft weiter zu üben. Die Sportstunde der 5. Stunde war Vertretung in der Klasse, eine Kollegin war eingeteilt. Aber die Aufgaben waren so, wie in der vorigen Stunde weiterzuführen mit Blick auf partnerschaftlicher und gegenseitiger Hilfe. Erst eine Mitschülerin oder einen Mitschüler fragen, das ist Gesetz, dann erst den Lehrer.

Peter saß sehr konzentriert vor dem Deutschlandrelief seiner Gruppe und schrieb Namen ab, er prägte sich etwas ein.

Gabriele war mit Cherii im Buchladen "Anagramm" ein Geburtstagsbuch aussuchen. Hier der Link:


Sie waren nach einer Stunde wieder da. Das Schöne an diesem Buchladen ist, dass die Buchhändlerinnen  ihre Bücher gelesen haben und die Kinder beraten können, das macht richtig Freude, dort hinzugehen!

Danach half Gabriele einigen Schülern, indem sie ihnen Prüfungsdiktate diktierte. Ich diktierte Messi auch noch eines zu Ende. Morgen werden sie alles noch einmal mit dem Wörterbuch kontrollieren. Dann geht der Rotstift rüber.... 

Es war ein gutes, einvernehmliches  Arbeiten heute. Bloß hätte ich eigentlich sehr gerne mit Mario an den Breiten- und Längengraden weitergemacht. Ich glaube - wir sind jetzt in der 7. Woche nach den Sommerferien - , ich habe von 7 erst 2 Förderstunden halten können. Alles andere war Vertretung. Was soll man dazu sagen!

Niemand hat "gemeckert", dass statt der Kunststunden Mathematik und Deutsch/Geschichte war. Das war schon sehr schön. Während Frau Zenker vorne über Zahnprophylaxe sprach, rechnete ich mir die Aufgaben aus, die wir später lösen würden und trug sie in mein Lösungsheft ein.

Nach dem Unterricht gab es noch ein Elterngespräch. Es hat mit einem Schüler zu tun, der seit Monaten keine Fortschritte hat. Er kaspert herum, aber hinter seinen Witzen und Scherzen, so kommt es mir vor, steckt eine große Portion Traurigkeit. Wir wollten der Mutter nahelegen, ihm mehr ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. Dabei hat sie es schon so schwer. Sie ist allein mit zwei Kindern und arbeitet sehr hart. Aber vielleicht gibt es hier und da kleine Situationen, die man anders gestaltet, ohne dass es ganz viele Kräfte raubt und die dem Kind zeigen, dass es wahrgenommen wird und dass es als Person für die Mutter eine Wichtigkeit hat. Es ging ihr sehr nahe. Manchmal sind solche Gespräche für keinen, der sie führt, sehr angenehm.

Zum Schluss leistete ich mir noch eine Stunde Filzen. Das musste sein. Es war ein schöner Schultag gewesen. Die Wolle duftete in Verbindung mit der Seife unwiderstehlich gut. Wie immer.

Als ich zu Hause angekommen war und beim Essen saß, klapperte der Briefkasten und ein Berchtesgaden-Panorama, vom Hausberg Jenner aus gesehen, fiel uns vor die Füße. Mit guten Wünschen zum Aufhängen am Schreibtisch, damit man immer einen Blick auf etwas Schönes hat, dessen Besuch noch vor einem liegt!! Oh, VIELEN DANK!! Das werde ich jetzt sofort aufhängen.  : ))) Genauso haben wir es in echt gesehen, als wir im Jahr 2006 alle auf dem Jenner standen! Danke Dir!

Mittwoch, 19. September 2012

Dialektik des Fortschritts

In der ersten Stunde, die wir miteinander hatten, sprachen wir über den Elternabend, die Sekundarstufe, die Grundschulempfehlung und alles Mögliche innerhalb dieses Themas und - schwupps, war die Stunde vergangen....

Dann lasen wir in der Steinzeit-Lektüre gemeinsam, wie Dilgo, der "Waldmensch", die Jungsteinzeitler beobachtet und er kann es nicht fassen, dass da eine Art Wolf zwischen den Kühen herumläuft, dass diese auch kleiner und gar nicht so wild sind wie die Auerochsen, die er kennt, dass er sich anschleichen kann und niemand bemerkt ihn und viele andere Dinge. 

Wir vergleichen die Lebensweisen und stellen fest, dass die der Jungsteinzeit eher unserer enspricht, dass die Lebensweise der Jäger und Sammler näher an der Natur war, sie bekamen viel mehr davon mit, fühlten sich eingebettet in sie, wussten mehr über die Tiere und die Pflanzen, aber ihr Leben war auch riskanter und weniger planbar. 

Die Viehzüchter und Bauern mussten ständig schuften, hatten aber ihr Fleisch, wenn sie meinten, es zu brauchen, hatten Besitztümer und waren "reicher".

Gabriele Beyerleins Erzählung  ist von den Fakten her gut recherchiert, und was mich besonders fasziniert, ist, dass man spürt, dass mit dem Fortschritt immer etwas gewonnen wird, aber auch etwas verloren geht. Die Pluspunkte stehen niemals ganz auf der einen Seite.

Die Jäger und Sammler waren insgesamt ökologischer in ihrer Einstellung und mit dem Fortschritt ging davon auch etwas verloren. Man wurde nicht in jeder Hinsicht  klüger, sondern verlor auch gute Eigenschaften. 

Was schön ist, ist die differenzierte Darstellung der jeweiligen Lebensweise in den Augen derer, die sie teilen und in den Augen der jeweils anderen Gruppe: Die Viehzüchter und Bauern fühlen sich den Jägern und Sammlern haushoch überlegen, aber Dilgo muss nachher mit seinen Kenntnissen ihr Überleben über den Winter sichern, weil räuberische Banden ihre Vorräte gestohlen haben und sie nicht mehr über die Techniken verfügen, sich auch ohne ihre Vorräte, Tiere und Besitztümer über Wasser zu halten...

Insgesamt ist es schön, dass die Jäger und Sammler nicht als primitiv dargestellt werden, sondern als hoch entwickelt in ihren Kulturtechniken.

Ein rundum schönes Buch mit vielen wertvollen Aspekten, und archäologisch und wissenschaftlich von den Fakten her gut abgesichert.



Auch heute müssen wir uns zum Strukturwandel stellen, auch heute gibt es Gewinn und Verlust nach beiden Seiten, zur Vergangenheit hin und zur Zukunft hin.

Ich finde, das sind wertvolle Erkenntnisse jenseits des Faktenwissens, das man über die Steinzeitmenschen haben sollte. Man muss sich nur sehr intensiv auf die ganze Szenerie einlassen, und so vermute ich, dass ich daher bei der Steinzeit etwas sehr lange verweile, fast schon zu lange, denn ich muss auch noch andere geschichtliche Zeiten bis zum Ende des 6. Schuljahres "behandeln".

Dann ist Pause, es war eine sehr intensive Stunde mit viel Gedankenarbeit so wie die vorige eigentlich auch. Beachtlich, das Durchhaltevermögen der Schüler!

Scherii fragte noch:"Wenn man ein Kind ist und hat die Zukunft noch vor sich und muss viel lernen, damit man es in der Zukunft gut hat, und wenn die Zukunft dann da ist, hat man es dann besser und kann dann chillen?" Tolle Frage, damit hielten wir uns auch eine ganze Zeit lang auf.

Nach der Pause werden die "Deutschländer" mit Namensschildchen komplettiert, damit man üben kann. Es geht um die Flüsse und Mittelgebirge. Manches findet sich nicht am richtigen Ort wieder, aber das ist nicht so schlimm, das kann man verbessern.



 Ich schaue genau auf die Weise der Zusammenarbeit und die Weise des Arbeitens überhaupt. Mario dreht nur Knete in der Hand herum, lässt sich weder zu einer gemeinsamen Abstimmung mit Fereba und Peter bringen noch greift er bei den Aufgabenstellungen zu - Zeit vergeht und er findet nicht hinein. Sieht Hindernisse, wo keine sind, nimmt mit den anderen nicht Verbindung auf und auch nicht zu den sachlichen Fragestellungen. Dabei läge es im Rahmen seiner intellektuellen Möglichkeiten. Ist er --bequem??? Ungeschickt? Was hindert ihn?

 
Ihr habt meinen schönen  Hunsrück vergessen! : /  Der Odenwald fehlt, das Fichtelgebirge sitzt am falschen Platz und in Bayern fehlt noch so manches Gebirge.
In einer anderen Gruppe arbeiten Scherii und Mesut Hand in Hand und schmeißen da den ganzen Laden, während Tobi wenig und Pablo gar nicht mit der Aufgabe  oder in der Gruppe Verbindung aufnehmen. 

 
Hier zeigt die Donau einen etwas merkwürdigen Verlauf...

Zwei Gruppen stimmen sich in vorbildlicher Weise ab, beide haben nicht immer so ganz genau alles im Atlas überprüft, aber ihr Werk kann sich durchaus sehen lassen und eignet sich, um die Namen der Gebirge und Flüsse und ihre Lage zu üben und zu festigen. Prima! Hier wurde Hand in Hand gearbeitet.
Einige Schüler üben noch rechtschreiben, dann ist - sehr schnell- die 6. Stunde schon vorbei und wir räumen auf.

Schön, das waren vier kurzweilige Stunden! Was will man mehr. Gelernt haben wir auch etwas dabei.

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Unten im Wollraum kommen um 14 Uhr tatsächlich drei Mädchen aus dem Wahlpflichtkurs gestern. Sie wollten unbedingt Wolle mit der Kardiermaschine und den Handkarden kämmen. Ich musste ihnen gewaschene Wolle von zu Hause mitbringen, denn die Fettwolle finden sie eklig, die fassen sie nicht an.

Zwei Mädchen kämmen fleißig, eine näht ihren Jonglierballbeutel fertig. Ein Junge aus dieser Klasse kommt noch dazu und wir filzen einen Ball für seine kleine Schwester. Es macht mir auch Freude, wie gelassen und ruhig wir fünf da so die Zeit verbringen und uns dies und das erzählen.

Kurz vor 15 Uhr sollen sie wieder in ihrer Gruppe sein. Luxus! Einfach aus Spaß so etwas zusammen machen, ohne Programm, ohne Planung, das haben wir uns erlaubt. Schön! Ein guter Abschluss des Tages.

Dienstag, 18. September 2012

Warum heißt der Seelöwe Seelöwe?

Conny ging gestern hinaus auf die Wiese...Bei dem wunderschönen warmen Herbstwetter wollte sie auch dabei sein und mitmachen. : ) Sie fraß mit großem Vergnügen Weidenblätter. Eine Weide stand im Lenauer Gehege, wo Conny etwa zehn Jahre ihres Lebens verbrachte.....Reminiszenzen an frühere Zeiten.
....weil er brüllt wie ein Löwe! 
Gestern war Elternabend. Ich muss schon sagen, wir haben sehr freundliche, zugewandte und nette Eltern. Im Grunde habe ich es nie anders erlebt.
Die Eltern wussten nichts von den Vorgängen in der Klasse. Sie waren sehr erstaunt und wir bekräftigten uns noch einmal, wie wichtig der gegenseitige Respekt, den wir uns schulden und entgegenbringen müssen (und wollen), ist.
Ms Mutter stand sehr erregt da und wollte das Handy ihres Sohnes ausgehändigt haben. Ich hatte es an unsere Schulleiterin weitergegeben.
"SIE haben es uns weggenommen," sagte sie. "Nein," meinte ich, "M hat dafür gesorgt, dass Sie es jetzt nicht mehr haben, er hat die Regeln nicht eingehalten. ER hat es Ihnen weggenommen."

Geduldig erklärte ich ihr die Regeln NOCH EINMAL. Das Handy bleibt in der Schultasche. Mitnahme in die Pause ist verboten. Wir hatten Fälle von so genanntem "Happy Slapping": Schüler verprügelten jemanden und stellten das Video ins Netz.
"Im übrigen sind wir früher alle auch ohne ausgekommen..." Konnte ich mir nicht verkneifen. Ich sagte ihr, es geht mir dermaßen auf den Zeiger, hier ständig mit diesen Handys zu tun haben zu müssen. Das gehört eigentlich nicht zu meinen Aufgaben.
Es war so gewesen: Ich sitze vor einigen Tagen mit Korrekturen im Freizeitraum, die Tür ist offen. Es hat zur Hofpause geklingelt. M und B gehen über den Gang. B sagt zu M: "Aber wir sollen die Handys doch nicht mitnehmen!" "Ist mir doch egal!", schallt es zurück. Mensch, M, dabei habe ich mir mit Dir solch eine Mühe gegeben in dieser Woche...Ist es Dir egal? Wirklich egal? Die Regel ist Dir völlig schnuppe? Dann muss das Imperium leiderleider zurückschlagen. Und das Mobile war weg. Das war am Freitag gewesen.
Mutter M wollte nicht zum Elternabend, sie wollte nur das unverzichtbare Dingens haben und bekam es dann wohl auch.
Aber wir hatten auch schöne Themen: Selena und Scherii hielten ihren Vortrag über den Seehund und den Seelöwen vor den Eltern noch einmal. Zum Schluss veranstalteten sie ein Quiz über das Gehörte. Es war lustig und machte gute Laune. Sie hatten es didaktisch/methodisch ausgezeichnet vorbereitet und noch einmal vorher geprobt. Den weiteren Abend saßen sie dann mit in der Runde, ebenso wie Ronaldo, der mit seinem Vater zusammen als sein eigener Elter gekommen war.  : )
Frau Plötzin sprach über den Englischunterricht, dann beschäftigten wir uns mit der Klassensituation, schließlich mit den Fragen des Übergangs auf die Sekundarschulen und den Grundschulempfehlungen, die im Januar ausgestellt werden müssen.
Die Atmosphäre war angenehm.
Ich erzählte noch ein wenig von der Klassenfahrt nach Wyk auf Föhr. Empfahl den Eltern unser Schülerblog, dort stehen einige Texte über die Klassenfahrt:

www.lenauerwir.blogspot.com

Hihi, Zitat: "Ich konnte ausschlafen." Bei einer Klassenfahrt! Wie muss es dann ansonsten um die Schlafsituation des armen W. bestellt sein?

Die Fahrt war so kurz vor den Ferien gewesen, dass wir davon in der Schule nicht mehr berichten konnten und stellte den Eltern unseren neuen Reiseort vor: 
Berchtesgaden. "Oh, das ist aber weit..." Wenn die Kinder die Grundschule verlassen, haben sie die Nordsee aus eigener Anschauung kennengelernt und sie WISSEN, wie die Alpen aussehen und sich anfühlen und können es besser mit dem vergleichen, das sie schon kennen. "Reisen bildet." War das Goethe?

Bitte hier klicken, um einen Eindruck zu gewinnen:

Berchtesgaden 

Sie werden im Salzbergwerk gewesen sein: Vieleviele Meter ins Bergwerk gerutscht sein auf hölzernen Rutschen, über den Königssee gefahren, sie werden das Echo gehört haben und unter der Watzmannwand am Bergbach gespielt haben....Mir fällt gerade auf, dass das der ideale Einführungsstoff für das Futur II gewesen sein wird, wenn ich es dann eingeführt haben werde.... 

(Die Klasse damals, mit der wir zum ersten Mal in Berchtesgaden gewesen waren, hatte sich entzückt am Bergbach oben  die Wasserflaschen gefüllt, das Wasser war klar, rein und trinkbar. Zwei Tage später zeigten einige noch ihre Flaschen mit den Resten vor: "Guck mal, ich habe noch etwas davon..." SO begeisterungsfähig können Kinder sein! WASSER war ihnen wichtig! War das schön gewesen!)

Sie werden auf dem Hausberg, dem Jenner, gewesen sein und mit der Seilbahn hoch und zu Fuß hinunter oder umgekehrt gelaufen sein: Hallo, M, gut trainieren - sonst hältst Du das nicht durch! Und jetzt schon halte ich die Däumchen, dass das Wetter schön wird! Ja, es ist weit, aber dreimal Pionierheim Brandenburg mit Tischtennisplatten und Kiefernwald, das ist nicht mein Ding. Ich will, dass meine Schüler unvergesslich Schönes von unserem gemeinsamen Land sehen und wir haben extrem schöne Landschaften oder schöne extreme Landschaften.
Elternvertreter haben wir natürlich auch gewählt. DemHimmelseidank haben sich zwei Mütter dazu bereiterklärt. 
Viielen Dank nochmal an Scherii und an Selena! Ihr seid so engagierte Schülerinnen, habt Euch die Zeit genommen! Ihr habt das ganz wunderbar gemacht, ich bin sehr stolz auf Euch! <3 <3 Ich weiß doch, dass Ihr das hier auch lest.... : )

Oha, schon nach acht Uhr. Jetzt aber schnell in die Badewanne und dann: Ab in die Schule. Hinten, zwischen meinen Schultern sitzen klitzekleine Flügel.... 

Peters Jonglierbälle mit dazugehörigem Beutel - selbst genäht;  die Kordel hat er auch hergestellt. Hierauf kann er sehr stolz sein!
Er hat gefilzt, gestickt, genäht und die Kordel gedreht. Er kennt nun Sticknadeln, Nähnadeln, Stecknadeln und Sicherheitsnadeln aus eigener Anschauung und eigenem Gebrauch....


Montag, 17. September 2012

Conny

Eine neue Woche beginnt. Die Erkältung ist noch ein wenig da, wird aber schwächer und das wird bald vorbei sein. Schön, "es" mit nur drei Tagen Fehlzeit geschafft zu haben...Doch man muss Disziplin zeigen: kein Alkohol und: Früh ins Bett, so zu 21 Uhr. Dann ist der Schlaf sehr heilsam.
Gestern wollte ich mich gern erholen, die Berliner Mauern hinter mir lassen und die Lenauer Schäfchen besuchen. Kaffeekanne eingepackt und rauf auf die Autobahn.
Ich war dort allein in der Schäferei, man war ausgeflogen (nach Berlin!). 
Beim Hineingehen musste ich am "Seniorenheim" vorbei, Schaf Conny lag ruhig in der Tür wie immer und genoss den Tag.
Bruno, der Hofhund, war begeistert, als er das Auto hörte, und sein harsches Bellen verwandelte sich gleich in ein freudiges Jaulen.
So sind wir zunächst einmal spazieren gegangen an diesem wunderschönen Septembertag.
Wir gingen zum "Totenpfuhl" , wo er erst einmal ausgiebig badete und ich das Schilf fotografierte, weil einige meiner Schüler das Wort Schilf nicht kennen.
Die Jungsteinzeitmenschen in unserer Lektüre flechten Körbe mit Schilf.
Vielleicht hätte ich Schilf in realiter mitnehmen sollen, aber mit Bruno am Bändel sind solche Dinge gar nicht so einfach zu handhaben.


Als wir wieder "zu Hause" waren, machten wir es uns gemütlich:


Unterm Stuhl liegt Bruno. Ich hatte mehr diese Perspektive und fühlte mich sehr, sehr wohl:


Weshalb erzählt man so etwas? Ich glaube, am Wochenende geht es auch darum, Abstand zu gewinnen, der Vereinnahmung durch die Wochengeschehnisse zu entgehen. Man kommt in eine andere Stimmung hinein, und das ist erst einmal sehr gut.


Leider fand ich später Conny schnappatmend und hyperventilierend vor. Wir verbrachten einige Stunden zusammen und ich wurde gewahr, dass die Sechzehnjährige dabei ist, diese Welt zu verlassen. Sie beruhigte sich zwischenzeitlich wieder, war ganz gelassen, bis ein neuer Anfall kam. Ich spürte, sie macht sich auf den Weg. 

Tiere sind so weise in dieser Hinsicht. Man muss ihr nichts geben, man muss den Prozess nicht abkürzen, ihre Seele löst sich vom Körper und ihr Körper löst sich von dieser Welt.
Sie war ganz aufmerksam, mochte meine Anwesenheit. Dann, nach ein paar Stunden, bemerkte ich, dass sie lieber allein war und verabschiedete mich. Sie hatte keine Schmerzen. 

Man muss das einmal miterlebt haben. Sie ist jetzt auch nicht allein. Die Schäfer sind da. Doch für sie ist das auch neu.

Ich war so weit von den Schuldingen weggewesen wie man sich das nur denken kann und doch so nah, denn Schaf Conny ist eine uralte Lenauerin, sie gehört zum Lenauer Tierbestand, seit ich die Schafe wahrgenommen habe. 

Mit den Jahren ist ein sehr enges Verhältnis entstanden. Ich muss jetzt über Conny schreiben, denn am liebsten wäre ich bei ihr. Aber ich kann nicht schon wieder in der Schule fehlen und morgen ist Elternabend. Doch ertrage ich es, weil wir gestern lang zusammen waren und weil sie so mit sich im Reinen ist wie man nur irgend sein kann. Sie hat ein wunderbares Schafleben, um darauf zurückzublicken - welchem Tier ist das sonst gegeben? Deshalb bin ich mit mir auch im Reinen. Immer noch finanziere ich die Pensionäre der LenauSchule, und ich tue es sehr gern. Wenn jemand Pate werden möchte, das wäre wunderbar!! Jedes Schaf ist anders. Es sind sechzehn geworden mit der Zeit. Immer wieder hat sich einer angehängt...Für 30 Euro im Monat kann man Pate werden und einem Schaf beim Leben zusehen. Man kann auch dort im Ferienhaus wohnen, wie es abgebildet ist. Es ist nicht teuer. Man kann es aber auch sein lassen. : )

Heute habe ich die Sherlock-Holmes-Nummer weiter durchgezogen. Die Ergebnisse der zwei Gespräche am Freitag fokussierten sich auf zwei Jungen. Ich habe alles aufgelistet und in zwei weiteren Gesprächen heute die Zeugensituation klar gemacht. 

Niemand sagt mehr heute: "Ja, klar, war blöd, ich mache es nächstens besser, tut mir Leid." Sondern: "Nein, so etwas macht mein Sohn nicht. Das bilden Sie sich nur ein. Beweisen sie es!"
Deshalb. Wer macht so etwas schon gern, aber es musste sein.

Hatte das Gefühl, bei den Kindern war etwas mehr Selbstbewusstsein da, was ihre eigene Situation betrifft. Sie reagieren anders, wenn sie bemerken, dass man sich für ihre Lage interessiert. Ich bat sie, mit ihren Eltern zu sprechen und die Eltern schriftlich, einmal ihr Kind zu fragen und mit ihm darüber zu sprechen, wie es ihm in der Schule geht, wie es sich fühlt. Immerhin sehen wir uns morgen abend.

Man kann nicht lernen, wenn man ständig Nackenschläge bekommt...Wieso eigentlich immer der Nacken? "Nackenklatscher" wird das genannt. Was hat das für eine Spezifik, für eine Symbolik, dass es ausgerechnet der NACKEN ist? Das ist mir etwas unheimlich, und ich weiß keine Antwort darauf. Dass man von hinten kommt, der andere sich nicht vorbereiten kann? Der Nacken ist die Schnittstelle von Körper und Kopf. Das Wort "Schnittstelle" wirkt jetzt hier etwas unangenehm. Aber schon in der letzten Klasse wurden Kinder mit ausgerechnet diesen Nackenschlägen traktiert, das ist nichts Zufälliges.

Die Übeltäter habe ich bei jedem kleinen Regelverstoß angezählt, sie haben den Stimmungsumschwung schon mitbekommen. Sollen sie auch. Ich adressiere mich im Unterricht an die anderen. Sicher, an sie auch, wenn sie regelgemäß mitarbeiten, aber sie stehen auf dem Prüfstand, sie werden sich nicht so sicher fühlen können wie zuvor.

Heute hat es mir Freude gemacht, gemäß der Aussage einer früheren Schülerin: "Wir Braven waren immer nur Nebensache."..die "Braven" zur Hauptsache zu machen.

Morgen werde ich mit jedem der beiden sprechen müssen. Einzeln. 

Höre gerade am Telefon, wie seelenvoll Conny betreut wird und wie gelassen und "rund" sie in ihrer Situation wirkt. Sie ist wirklich in sehr guten Händen.
Alles Gute, Dir, Conny!

Conny

Samstag, 15. September 2012

Meta-Flaschenpost

Dies ist der hundertste (Flaschen)post. Was also schreiben? Es könnte ein Meta-Flaschenpost werden: Warum hier so schreiben? Warum überhaupt?

Manchmal, wenn ich schreibe, ist anschließend der Tag "weg"geschrieben. Ich habe das Berufsgepäck wegstellen können und kann mich neuen Dingen zuwenden. Manchmal hilft es nicht. So wie heute. Es schreibt sich heute nicht so einfach "weg". Das hat sicher  Gründe. 

Ich könnte mir vorstellen, dass ein Unruhefaktor in dem Kontrollverlust liegt, der  eingetreten ist und den man durch die Fakten, wie sie sich  bekannt gemacht haben, nicht so einfach, schnell beheben kann. Es handelt sich um schwer Durchschaubares. Um Tabuisiertes auch, Unschönes, es gibt eine Scheu, sich damit zu befassen.

Die Jungen fragte ich:"Sprecht Ihr mit Euren Eltern darüber?" und hoffte, sie täten es. "Nein," sagten sie, "sie wollen, dass wir lernen. Wir wollen sie nicht beunruhigen." Sicher ist auch eine Angst vor der Konfrontation mit den "Angreifern" da, dass man sich selbst lange Zeit sagt, es sei alles in Ordnung, man macht vielleicht auch ein bisschen mit und reduziert hiermit den Druck. Gesprochen wird erst, wenn es unerträglich wird, denn in allen solchen Gesprächen ist die Angst da, für den Anderen, der einem Unbehagen macht, als nicht folgsam erkennbar zu werden, eine Angst, dass sich hierdurch alles noch verschlimmern könnte.

Wie sollen sie wissen, dass solche Sachen sich am besten in dem Halbdunkel entwickeln, das man clair-obscur nennt? Dass Aufklärung das ist, was die Gegenseite am meisten fürchten muss: Licht ins Dunkel bringen. Deshalb heißt die Aufklärung ja auch Lumières, ist mit dem Bild des Lichts verknüpft. 

Warum darüber schreiben? Beim Schreiben ordnet sich vieles. Das Schlimmste ist die Sprachlosigkeit. Mit der Sprache gewinnt man Selbstverfügung und Verfügung über die Situation zurück. Deshalb ist das Operieren im clair-obscur so wichtig für Dunkelmänner, für verdeckte Herrschaftsausübung.

Dass die totale Aufklärung ihre schlimmen Seiten hat, wusste schon Goya:


<<Le songe de la raison produit des monstres>>, im Doppelsinn des "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" und (!) "Der Traum von der Vernunft gebiert Ungeheuer".
Es gibt Bereiche, die man nicht ausleuchten sollte, sonst wird es lebensfern und totalitär.

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Man hat also nie die totale Kontrolle. Und sollte sie auch nicht anstreben. Vielleicht ergibt sich ein gewisses Maß an innerer Ruhe durch diesen Gedanken, dass Situationen immer offen sind und dass man sich selbst für sie offenhalten sollte.

Das Schreiben ist also eine Art Selbstvergewisserung. Eine Sprach-Findung und somit ein Sich-Orientieren in der Realität.
Man könnte es in ein Tagebuch schreiben. Dort kann es auch nachlesen, sich vergewissern, Stellung dazu nehmen und in einer Art innerem Monolog, einer Art Selbstgespräch Aspekte finden, prüfen, bewerten. So könnte man auch weiterkommen.

Warum dann aber so? Der Mensch des 21. Jahrhunderts wird von der Psychologie grundsätzlich als eher narzisstisch gesehen, auf der Suche nach seinem unverwechselbaren Selbst, ganz im Gegensatz zum Menschen zur Zeit Freuds, der, in einer Disziplinargesellschaft lebend, in Gefahr stand, Neurosen zu entwickeln, wenn die Disziplinierung nicht  gelang.
Der zeitgenössische Mensch ist eher in Gefahr, an einer Depression zu erkranken, wenn die Suche nach dem Selbst nicht gelingt. Er hat eine große Außenseite, ist sehr performativ angelegt, muss es wahrscheinlich sein, um sich auf den beruflichen und privaten Märkten behaupten und ein Stück vom Glückskuchen abbekommen zu können...

Ist es also das? Selbstbespiegelung? 

Ich möchte das eher so sehen, dass man als Lehrer unfreiwillig recht allein arbeitet. Auch, wenn da ein Team ist. Ohne Supervision mit den Kollegen, fast ohne umfassendere Gespräche. Die Gespräche, die ich liebe, sind sehr selten, denn in Schule ist immer Hetze und Druck, Zeitdruck, Prüfungsdruck, ganz viele Dinge müssen in begrenzter Zeit "abgehandelt" (noch schlimmer ist das Wort "erledigt") werden.
Da fehlt mir etwas.
Ich könnte Fortbildungen besuchen. Doch Fortbildungen tun mir körperlich und seelisch weh. Alles aus der realen Welt wird pädagogisch heruntergebürstet und -gebrochen und unter dem Primat von Vermittlung in einen hineingestopft. Für mich das krasse Gegenteil von Bildung oder Fortbildung. 

Da ist nichts offen, da ist Methodendominanz und Gedankenverbot, sofern Denken eine Art Tasten ins Unbekannte ist. Da sind geschlossene Räume, und wenn die Dozenten nicht murren, tun es nach der zweiten Zwischenfrage die KollegInnen, die ihre Zeit hier nicht umsonst absitzen wollen...Alles schon erlebt.

Deshalb sind mir oft kleine Gedanken, Puzzlestücke von Menschen aus der "richtigen" Welt lieber. Mit diesen kann ich oft etwas anfangen.
Noch schöner wären Gespräche. Aber man will ja nicht unbescheiden sein. : )

Deshalb eben ein Blog. Man fährt (Er-fahrung! Hat mit Seefahren zu tun.) in eine neue, unbekannte Situation hinein. Man weiß nicht, wie die Dinge sich entwickeln werden. Das kann doch gut werden. Es kann sich etwas entwickeln, von außen her, von der anderen Seite her. Wenn nicht, ist nichts verloren. Das ist der Sinn der Flaschenpost. Sie kann gefunden werden. Es kann auf sie reagiert werden. Es kann etwas Neues sich entwickeln. Es kann sich etwas öffnen.
Wenn dem nicht so ist, bleiben die Tagebuchqualitäten. Die sind auch nicht nichts.
 
Ein weiterer Grund ist, dass mir jeder Tag bei der Arbeit anders vorkommt, sehr kräftezehrend, aber es bleibt nichts zurück, das man anschauend könnte, sozusagen in der Hand halten und sagen: So ist das, schau mal an.
Die ganze Energie verschwindet in einem Abgrund, der sie verschluckt, und nichts bleibt zurück, das man als ein Werk betrachten könnte. Ja, ich würde es die "Werklosigkeit" nennen. 

Andere schaffen Bilder oder Dinge, die vorhanden sind, die angeschaut werden können, die Energie materialisiert sich in einem Produkt. Hier geht alles dahin, ohne etwas zu hinterlassen. 

Gewiss, es kann sein, dass nach einigen Jahren jemand kommt und etwas von der eigenen Arbeit zurückspiegelt, aber das ist zufällig, punktuell und nicht sicher. Dabei ist unser Beruf ungeheuer konflikthaftig. So verengt und verzerrt sich der Blick auf die Arbeit, auf die Menschen, sehr leicht. 

Dieses Schreiben hier im Blog gibt  mir einen Eindruck vom eigenen Arbeiten wie es das Tagebuch nicht könnte.

Es gab einmal einen Konflikt, da hatte ich ein Gespräch darüber, und ich konnte zu den Betreffenden vorher sagen: Lies das mal hier! Ich hatte es in dem Moment aufgeschrieben, wo es noch "heiß" war, diese Leistung musste ich später im Gespräch nicht mehr neu erbringen, wir waren hierdurch sehr schnell bei der Sache.

Ich glaube, das war ein würdiges Thema für den hundertsten Post! <3

Nicht vergessen!

"Wenn Du mich fragst, was damals hätte besser laufen können:
Du hast Dich immer nur mit den Störern beschäftigt. Wir, die Braven, die immer mitgemacht haben, wir waren Nebensache."

Kommentar einer erwachsenen ehemalige Schülerin