Samstag, 15. September 2012

Was braucht man im Maschinenraum?

Zugegeben: Das war gestern etwas ungeordnet. Für mich, die ich mich in meiner Schwäche Hegels "schöner Seele" verwandt fühle - das meint er übrigens sehr abwertend - und zum Romantisieren neige, ist das schulische Leben oft wie ein Spaziergang auf lichten Höhen, plötzlich abgelöst durch eine unfreiwillige Fahrt mit der Geisterbahn.

Dann schüttelt es mich so durch, dass ich am liebsten weglaufen möchte. ("Wärst Du doch Bibliothekarin geworden..") Entweder man ist robust, dann wird man nicht so viel bemerken. Oder man ist empfindsam, dann trägt es einen manchmal aus der Kurve...

Trotzdem liebe ich diesen Beruf, und ich bin noch nicht fertig mit ihm. Wahrscheinlich gibt er mir auch vieles, das ich gar nicht zu schätzen weiß, weil es so nah ist.

Eben las ich einen Artikel. Am Schluss dieses Artikels stehen ein paar schöne, sehr sanfte, sehr hilfreiche Gedanken:

Es gibt zahlreiche Wege, die Welt zu erkennen, darunter Erfahrung, Heuristiken, Modelle, Theorien und Intuition. In einer Rede zum sechzigsten Geburtstag Max Plancks, des Begründers der Quantentheorie, sagte Einstein: „Zu diesen elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition.“ Intuition ist ein einfühlendes Verstehen des Anderen, eine Form der Verschmelzung des Verstehenden mit dem Verstandenen.
Und wie gelangt man zur Intuition? Steiner schrieb: „Die Verehrung weckt eine sympathische Kraft in der Seele, und durch diese werden Eigenschaften der uns umgebenden Wesen von uns angezogen, die sonst verborgen bleiben.“

Ein einfühlendes Verständnis der Welt

Begegne ich einem Menschen und tadle ich seine Schwächen, so raube ich mir höhere Erkenntniskraft; suche ich liebevoll mich in seine Vorzüge zu vertiefen, so sammle ich solche Kraft. Gelegentlich muss man nicht nur jedes intellektuelle Urteil zum Schweigen bringen, wenn man anderen Menschen zuhört, sondern auch jedes Gefühl des Unmuts, der Ablehnung oder der Zustimmung. Wer in der Lage ist, selbst scheinbar lächerlichen Unsinn ohne jede Kritik anzuhören, der lernt (vielleicht), sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Das ist nicht leicht.
Vor die Wahl zwischen weiterem wissenschaftlichem Wissen oder Intuition gestellt, entscheide ich mich für die Intuition. Ich wünsche mir ein einfühlendes Verständnis der Welt.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/modelle-die-sich-schlecht-benehmen/f-a-z-kolumne-von-emanuel-derman-der-geist-hat-sehr-wohl-bedeutung-11888932.html

Einstein: ....die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition...

Wichtig sind mir auch die Zeilen des letzten Abschnitts, aber die Zeilen davor geben einen guten Zusammenhang dafür.

Hier ist also ein Weg, mit dem umzugehen, was ich gestern erlebte. Es geht dabei auch nicht um mich. Ich könnte mich abwenden. Wegsehen. Es geht um die Menschen in der Schule, die ihr ausgeliefert sind, die Kinder. Täglich müssen sie da hin. Viele Stunden lang. Ihr Kosmos des Erlebens, ihre Erfahrungen, sind andere als die der Erwachsenen dort.

Schlimm für mich war erst einmal der Schock, wieviel Gewalt in der Gruppe, für die ich erziehungsberechtigt bin - ! : ) - aktuell herrscht, von der ich so keine Ahnung hatte. Besser wäre es aber zu sagen, kein Wissen hatte. Eine Ahnung hatte ich schon. Worauf sie gründete? Wenn einzelne Menschen Verhaltensweisen zeigen, die, wie wir früher sagten, nicht auf ihrem Mist gewachsen sind, die nicht zu ihnen passen. Das Sensorium hierfür ist Intuition.

Jeder weiß, wie ein Maschinenraum aussieht, nicht wahr?
Habe mir viele Bilder von Maschinenräumen angesehen, aber dieses hier schien meine Situation am besten widerzuspiegeln....

Es hat mich auch nicht losgelassen. Nicht nach dem Schreiben gestern, wo alles sehr unvollkommen "aufs Blatt" gerotzt ist. Das von einem angemessenen Umgang noch meilenweit entfernt ist. Der Grund wahrscheinlich: Das lässt sich nicht aufs Eis legen. das geht am Montag weiter. Ich muss auf die Höhe des Geschehens kommen, um das Richtige zu tun. Was das Richtige ist? Da gibt es sicher keine Rezepte. Das ist für jeden Lehrer anders. Trotzdem gibt es Schnittmengen.
Die Erfahrung, die es zu bearbeiten gilt, ist:
Schule ist für viele Kinder tägliche Leiderfahrung. Andere trainieren, wie man erfolgreich und ungemaßregelt übergriffig ist. 
Nicht jeder ist mutig. Auf jeden Fall nicht mit 12 Jahren. So versuchen sich viele durch Entsolidarisierung in der Situation zu behaupten, um nicht "gemeint" zu werden, um nicht zur Zielscheibe zu werden.
Hier fängt man an, Dinge zu bemerken, die schief laufen. Zum ersten Mal ging mir bei dieser Situation die "Klingel":
Messi hatte, als ich ihn ermahnt hatte, hörbar und abfällig "Deutsche!!" gesagt. Gespräch, Muttergespräch, entschuldigt hat sich bis heute keiner. Das nur nebenbei.
Am gleichen Tag hörte Gabriele, wie Tobi, im Spiel mit Messi, zu jemandem "Deutscher!" sagt. Es war ebenfalls abfällig. Nun ist Tobi der Letzte, der von sich aus so etwas sagen würde. Wirklich. Es passt nicht zu ihm. Es passt überhaupt nicht zu ihm, es passt nicht zu seiner Mutter, es passt überhaupt gar nicht: Er ist so offen zu jedem Menschen!
Dann fragt man sich. Warum macht er das? Und hat den ersten Faden in der Hand: Er macht das, um sich unter etwas unterzuordnen. Weil er Angst hat. Deshalb macht er mit. Da ist also etwas spürbar, was nicht offen sichtbar ist. Was ist das?Das ist der erste Faden.
An diesem Punkt horchte ich zum ersten Mal auf. Es ist ein paar Wochen her.
                                                                 

Freitag, 14. September 2012

Oberdeck und Maschinenraum

Eigentlich bin ich noch zu schlapp zum Schreiben, auch noch zu nah dran. 
Heute früh im Hof, als ich mein Fahrrad holte, flog ein kleiner Fink ganz nah heran. Dann auf einen Zweig, dann hüpfte er näher.... Doch nun klapperten vom Hinterhaus her laute Ledersohlen-Absatzschuhe heran und Vögelchen war weg.
Schade. Ich hatte nicht die innere Ruhe zu warten, ob er wirklich wieder käme  und machte mich auf den Weg. Aber wenn er mich erkannt hätte?
Weiter oben, aufs Fensterbrett, streuen wir täglich ein paar Sonnenblumenkerne zwischen die Blumentöpfe mit den Pflanzen. Morgens um halb sieben nehmen Finkens ihre erste Portion, abends beim Dunkelwerden die letzte. Unsere "Beamten". Sie bekommen nur so viel, dass sie auch noch selbst suchen müssen, aber ich warte nur darauf, dass wir vermieterseitig abgemahnt werden, das Füttern zu unterlassen. Das wäre typisch. Einstweilen aber haben wir es sehr schön am Fensterbrett, öfter Besuch, manchmal parkt da auch ein Grüner  zwischen den Pflanzen, einmal fütterte ein Spatz sein Junges, das gerade flügge geworden war.
Da der Morgen noch zart war und meine Gedanken ebenso, vom Tag und dem so genannten "Leben" noch nichts auf die Mütze bekommen hatten, dachte ich mir: "Und wenn Fink kommt, weil er mich erkennt?" Man soll die kleinen und großen Biester nicht unterschätzen.

Da wir nun gerade bei Biestern angekommen sind:
Ich möchte den Arbeits- und Schultag beschreiben. 
; )

Die äußere Struktur ist schnell erzählt, vier Stunden, drei Förderstunden fielen wegen anderer Wichtigkeiten weg. Ich war allein die ganze Zeit. Was mich nicht stört. Ich habe es so gelernt und im Zweifelsfalle muss man auch so klarkommen, egal, was die tönenden Bildungsprogramme so erzählen.

Habe einen Aussetzer und weiß nicht, ob das schon pathologisch ist.  Die X-Sache von gestern, die am letzten Freitag passiert war.

Vor der Klasse. Spreche alles ganz offen an, sage "Blasen", "Schwanzlutschen", Pornografie, was ist das? Gute Frage. Wichsvorlage. Sexuelle Gewalt ist Gewalt in sexuellem Kleid. Gewalt, nichts Anderes. Es geht nicht um Attraktivität bei so etwas. In Berlin wurde kürzlich eine 78-Jährige von einem 30-Jährigen vom Fahrrad gezogen und vergewaltigt, sie verblutete im Krankenhaus an ihren Wunden.

Da braucht Frau und Mädchen sich nichts drauf einzubilden, wenn sexuelle Anmache passiert: "Blas mir einen!" Das ist Herrschaftsverhalten von männlicher Seite auf dem sexuellen Ticket. Die einzige Antwort auf so was sind  eigentlich fünf rote Fingerabdrücke im Gesicht. Dass ich herzlich froh bin, dass wir die Sexualkunde miteinander hatten, so können wir frei reden...Niemand, auch Bastian nicht, der sonst immer lacht, lacht jetzt. "Und was ich überhaupt nicht verstehe, ist, dass Mädchen, die am Tag vorher mit "Blas mir einen!" angemacht wurden, am nächsten Tag mit den gleichen Jungs auf einer Bank sitzen. Wie sollen die so kapieren, was sie gemacht haben?!"---

"GUTEN MORGEN!" "Ich musste das loswerden. Kann sonst mit Euch keinen Unterricht machen. Ist wie bei einem Schiff. Oben auf dem Deck alles fein, weiß angestrichen, gut angezogene Leute, fröhlich und so und eine Treppe tiefer unten im Maschinenraum liegt tonnenweise Scheiße und stinkt vor sich hin. Das passt nicht."

"Ihr bereitet jetzt weiter Referate vor oder macht Matheaufgaben oder übt in dem Rechtschreibheft und ich gehe mit den Damen rüber und wir führen da ein gutes Gespräch." So. Klar, dass die Hälfte nicht arbeiten wird. Doch kann ich nicht noch tagelang warten. Es gibt Sachen, die müssen gleich auf den Tisch. 
Ein paarmal war ich gucken. Bastian und Ronaldo legen allein eine Super-Generalprobe ihres Referates über den Bernstein hin. Das wird nicht vergessen.
Auch Tobi, Luigi und, Pablo wird mitgezogen, kommen mit ihrem Vorhaben weiter.

Indessen wir. Drüben. Wir sprechen über Y, der sich so schlecht fühlt, wie der letzte Arsch, sagte er. Zuerst gibt es viel Kritik an ihm, dann beruhigt sich das. "Er sagt, Ihr würdet ihn ärgern. Stimmt das?" - "Ja, das stimmt." "Gibt es denn nichts Nettes an ihm, etwas, das man gut finden kann? Ist er gemein?" "Nein, ist er nicht." Fereba erzählt: "Ich wollte mir gestern etwas kaufen, es fehlten mir 10 Cent. Y gab sie mir. Ich sagte, er bekommt es wieder und er meinte, das kannst Du behalten." Insgesamt wird die Haltung weicher. "Eigentlich ist jeder der Jungen auf irgendeine Art nett. Wenn man allein mit ihm ist, sogar A" "Nur, wenn einer von den anderen Jungen dabei ist, dann sind sie so anders, so doof."
"Wer ist denn eigentlich nicht so doof? Gibt es die auch?  Mit wem kann man reden? Wer ist nicht aggressiv?" Mit B,D,E,G,H. Aha. Gut zu wissen. Aber andere Jungs geben immer Kommandos. Sie sagen zu M "Buschkopf" (Sie hat wunderschöne, volle, krause Haare.) A sagt zu B "Hol das, hol das!", B bekommt immer Nackenschläge, täglich. Er sagt, es tut nicht weh. A sagt zu Cs Schwester: "Du hast immer dasselbe an. Du bist arm. Was habt Ihr für ein Schrottauto! Zu C: Kommkommkomm, mach mal ein Foto von mir, wohl wissend, dass sie ein Handy ohne Fotofunktion hat. Zu Cs Bruder, als er ins Auto steigt: Jetzt kracht es ein. A zum Bruder: Halt die Fresse, ich komm zu Dir nach Hause und schlag Dich, wo wohnst Du - ach, ich weiß: Müllhalde 55. Nein, ach ja, Müllhalde 56. A hat seit kurzem ein iPhone. Vor ein paar Tagen hatte er sogar zwei dabei. (??) X hat seit kurzem auch ein iPhone. C sagt, X sagt immer zu ihr: Ich fick Dich. Gestern (Hey gestern???Gestern war Donnerstag - sechs Tage nach dem Vorfall mit dem Kinderpenisbild - nichts dazugelernt!) sagte er zu mir: Komm, blas mir einen. X schlägt F. X schlägt C. Sie zeigt mir einen blauen Fleck. Krass! Ich fass es nicht.
Das ist meine Klasse? Derzeit waten wir bis zur Hüfte im Dreck des Maschinenraums. Auf dem Klettergerüst: A schießt mit Ball auf Fs Auge, trifft, tritt mit Fuß auf ihren Kopf, lacht, trifft sie mit dem Ellbogen im Rücken. "Man sieht nicht ihre blauen Flecken, ihre Haut ist dunkel, " sagt Emmely.

Vorgestern: E will die Rutsche hinunterrutschen, da setzt sich A breitbeinig unten hin und sagt:"Blas mir einen!" A und X haben im Sportunterricht ein Video vom Hintern der Sportlehrerin gemacht, letzte Woche, als sie die Handies in einem Kasten einsammelte.
U.s.w. u.s.w. us.w. O neeeeeeee! Kann ich bitte Erschwerniszulage haben? Wie war das noch mit dem Herkules und dem Augiasstall?

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Nach der Pause weiter an den Materialien arbeiten lassen, aber jetzt kommen die "netten" Jungen zum Gespräch nach drüben. Y will auch mit, na klar! Stimmt, er gehört dazu. Ich nenne nur die Namen, nicht mein Gesprächskriterium. Die anderen bleiben zurück.

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Y: Es geht mir nicht so gut in der Klasse, A, X und N sind hier die Obermacker, sie nerven und stören andauernd.
B bekommt andauernd Nackenklatscher von A und X, selten von R. Er soll immer für A. etwas holen oder ihm etwas eingießen oder ihm den Tisch abwischen.
Ich bitte, dass ich jetzt einen Nackenklatscher bekomme, so in der Stärke wie sonst B. Keiner will die Lehrerin hauen. Es ist ein Experiment. Es ist nicht Lehrerin hauen. Ich bekomme nach langer Diskussion einen Nackenklatscher, der schon recht ordentlich ist und man sagt mir, das sei noch weniger gewesen.
So habe ich einen Eindruck von der Wucht des Schlages. Man kann es ja so oder so machen...
Es gibt noch viele andere Sachen, ich lasse sie auf sich beruhen. Es kotzt mich an.
Nun werde ich ein Protokoll schreiben müssen und JEDE Handlung überprüfen müssen. Jetzt bin ich eigentlich in dem Sherlock-Holmes-Spiel, das mich so anödet, aber weil das so doof ist, wer WILL das schon gern machen, deshalb geht das Unwesen weiter und weiter.
Mein Gott, was sind Schulen Schulen der Gewalt und des Erleidens! 
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Sie haben etwas gemerkt. Ich mache in der vierten Stunde Unterricht, Deutsch, Lektüre, ganz normal. Als ich etwas suche, fragt A samtig: "Soll ich es holen?" - "SCHLEIM' MICH NICHT AN!!!"

Donnerstag, 13. September 2012

Zur Erziehung berechtigt - wie schön!

So schöne Wolken heute am blauen Himmel. Bildschönes Septemberwetter, nicht mehr so heiß und ganz klar alles. So ist es schön, denke ich mir, als ich in der ersten Pause auf dem Hof stehe und Aufsicht halte. Klar bin ich zusätzlich eingesetzt worden. Mache ich gerne. Andere mussten für mich auch mitarbeiten.

Die Mädchen aus dem Wollkurs kommen und sagen: "Wir hätten am Dienstag gern weiter genäht. Nähen ist soo schön."
Echt, das haben sie so gesagt.
In der vierten Stunde Vertretung, eine A-Klasse, kleine Kinder. Wir falten. Mein altes Hobby: What enhances the hands, enhances mind. Für eine Stunde ist Papierfalten wunderbar. Es trainiert die Koordination von Auge und Hand und das räumliche Vorstellungsvermögen. Ein paar Begriffe kommen noch dazu - was will man mehr. 

Später lässt die Kollegin, die ich wegen eines Gesprächs vertrat, mich wissen, die Kinder hätten es schön gefunden. Toll, ich auch. War lustig. Schön war auch, dass eine frühere, jetzt pensionierte Kollegin als Helferin dabei war. So konnten wir mal wieder etwas zusammen machen. Hinten saß eine Studentin, sie schrieb eifrig mit.
Als ich den Raum betrat, war die Kollegin vor mir gerade dabei, ihre Vertretungsstunde zu beenden. Zwanzig Kinder saßen kerzengerade vor ihren Matheheften, es war sehr still, sehr konzentriert. Man spürte, dass sich alle sehr angestrengt hatten. 

Nun ich. Hatte mein Märchenbuch dabei. Ein Mädchen kam vorbeigeschlendert und sagte: "Vorgelesen haben wir schon bekommen." Aha. Gut zu wissen. So frage ich die Studentin, sie sitzt immerhin schon vermutlich seit drei Stunden dabei. Ja, sie meint auch, die Kinder haben sich über eine längere Zeit schon rechnend und schreibend betätigt..
Nun kommt meine Ex-Kollegin mit einer Kindergruppe herein, sie hält mir einen Stapel Papiere hin, das soll gemacht werden. Aber....diese Kinder sind noch so klein. Sie sind müde. Methodenwechsel! Wir beschreiben kein Papier, wir basteln ein schönes Körbchen.
Bald bin ich mit meinem Körbchen durch alle Klassen durch. Sollte mir in der AGB einmal ein paar Tipps und neue Ideen holen.
Als Mario hört: "Heute "machen" wir beide die Breitengrade!", freut er sich. Lars ist da, also werden wir die Zeit zusammen haben. Doch halt - "Kann ich Dich mal sprechen?", fragt Lars, "draußen." 

Am Freitag. Hat. X aus unserer Klasse. Einer seiner Schülerinnen ein  pornografisches Bild aufs Handy geschickt. Freitag? Da war ich doch noch da? Hätte ich etwas mitbekommen müssen? Nein, es war am Nachmittag.

Es hatte viele Gespräche gegeben: Lars mit Schülerin, Lars mit Schulleiterin, Erzieherin mit X, Erzieherin mit Schulleiterin, Schulleiterin mit X und seinen Eltern, Schulleiterin telefoniert zwei Mal mit Mutter der Schülerin. Diese spricht mit den Eltern des Schülers. Heute: Lars mit mir, Erzieherin mit mir, wir beide zusammen mit der Schulleiterin, sie mit Schulpsychologen, ich rechne die Zeiten zusammen. Nee! das will alles in meinen Kopf noch nicht rein. Da sollen andere Sachen drin sein.

Ich hatte mit X schon zwei Stunden Unterricht zusammen erlebt, die Klasse war super lerneifrig gewesen, die einen hatten in ihren Materialien sich weitergekämpft, die anderen rechneten schon im Mathebuch im Nebenraum, ich dazwischen hin und her und alles lief einvernehmlich und gut. 

Nur Pablo singsangte mit seiner hellen Stimme: "Muss ich das machen?" und ließ mehrfach den Kopf ganz auf der Bank liegen. Er stellte hin und wieder Fragen, die er sich leicht hätte selbst beantworten können. Ali setzte sich zu Pablo und gab den Schrittmacher. Er war an ganz anderer Stelle, aber er stellte sich als Antwortgeber und Berater zur Verfügung.

Wenn Dinge so gut funktionieren, dann....müsste man direkt misstrauisch werden, dann IST etwas im Busch.
Doch ich war naiv wie ein kleines Kind, freute mich über den Lerneifer und die gute Zusammenarbeit auf allen Ebenen.

Dann rief ich alle zusammen: Es musste für die "starke" Gruppe etwas eingeführt werden. Die anderen, obwohl sie noch nicht so weit waren, konnten das schon mit anhören.

Es ging um einen Leuchtturm, der ist 60 m hoch, 1/2 von ihm ragt aus dem Wasser, 1/3 steht im Wasser und 1/6 ist Betonfundament. Wieviele Meter ragt er aus dem Wasser, wieviele Meter sind im Wasser usw.

1/2 von 60 m sind 30 m. 60 m geteilt durch 2. Die Hälfte-
1/3 sind 20 m, 1/6 sind 10m.

Was ein Leuchtturm ist, wusste jeder - wir waren schließlich an der Nordsee gewesen.
Blöd, dass keiner wusste, was ein Fundament ist.
Dass man Häuser nicht auf Sand baut...
Aber wozu hat man Lehrer?

Dann noch ein paar Beispiele, um zu sehen, wie sehr Brüche und der Umgang mit ihnen aus dem leben gegriffen sind und dann die Rechnungen.  1/4 von 80 Euro = ?

Nun konnten die Gruppen wieder getrennt weiterarbeiten. Die einen hatten es verstanden, die anderen werden es später verstehen.

Lucy hatte toll mitgedacht! Sie hatte in der Lernkontrolle eine "4" geschrieben - dafür war ihr Verständnis von den Brüchen eigentlich viel zu gut!

Die Lernkontrolle, die die Schüler am Freitag kontrolliert hatten, bekamen sie als erstes zurück. Lucy war ein wenig entsetzt, als sie ihr Exemplar in Empfang nahm und steckte es etwas zerknitternd und verstört in ihre  Tasche. Damit hatte sie nicht gerechnet.

Hier müsste Sherlock Holmes noch mal ran und aufklären. Hier ist Bedarf. Vormerken: Gespräch Lucy. Ebenso: Luigi. der nahm die "4" wie ein Mann, doch man sah, wie er leicht die Farbe wechselte.

Das sind zwei sehr ruhige Kinder. Sie sollten mehr fragen.
Sie brauchen etwas mehr Unterstützung.

Auf die Förderstunde hatte ich mich sehr gefreut. Nun ging ein Teil der wertvollen Zeit durch die Erzählungen der Schandtaten des X "drauf", was mir nicht gefiel. 

Dann erzählte man mir, dass Y einen krass sexistischen Spruch gemacht hatte, der auf eine Schülerin gemünzt war...Man muss auf so etwas eingehen. Fazit von 15 Minuten Gespräch: Der Spruch passt nicht zu Y. Er spielt gerne mit Plastiksachen und am Computer und zeigt sonst kindliche Verhaltensweisen. Hat auch zu den Mädchen ein ganz entspanntes freundschaftliches Verhältnis. Dieses hier  wirkte fremd bei ihm. Er hatte sich mit dem Spruch an einen derer in der Klasse gewandt, die stetig andere nerven und auf dem Kieker haben und wieder war genau die Schülerin die Zielscheibe, die es auch in den vorigen Wochen gewesen war. Der, der sie geärgert hatte, war aber seit dem Gespräch mit den Eltern ein Musterknabe geworden...

Das hat ein Geschmäckle. War es eine Anbiederung gewesen? Um nicht selbst Opfer zu werden? Die Nachfrage ergibt: Ja. 

Y hat es in der Klasse sehr schwer. Er ist in der Rangfolge sozusagen der Letzte, und so fühlt er sich auch, "wie der letzte Arsch." Sagt er.

Wir brechen das Gespräch an diesem Punkt ab. Die Uhr läuft und die Breitengrade warten. Doch dieser Faden, der will noch einmal aufgenommen sein.

So, Mario, jetzt haben wir noch 15 Minuten, aber wir werden sie nutzen.  Ganz langsam, ganz klein die einzelnen Schritte. Zweiergespräch. Vorher Ali: "Ich hab die Breitengrade auch nicht verstanden!"  "Nee, Ali, lass gut sein, jetzt ist  Mario dran. Nicht wahr, Mario, wir machen das mal zu zweit." Er nickt erfreut.

Wir sind jetzt der Kapitän mit dem Schiff im Stillen Ozean. Jeden Tag schreibt er seine Position ins Schiffslogbuch, da läuft das Schiff auf einen Felsen auf, er will mit der Mannschaft gerettet werden, aber es nützt nichts, wenn er sagt, er ist im Stillen Ozean. Das muss er schon etwas genauer hinkriegen. Das Netz der Parallelen, die Koordinaten. Der Schnittpunkt der Gradlinien als genaue Angabe.

Wir gucken auf den Globus. Später in den Atlas.
Der Äquator. Die Parallelen zum Äquator. Nord/Süd. Der Nullmeridian. Ost/West. Zunächst gucken, in welchem Erdviertel liegt: Nord/West, Nord/Ost,Süd/West etc.

Dann: "Zeig mir mal, wo Du geboren bist, Mario! - Quatsch, Du bist ja in Berlin geboren. Deine Mama?" "Die ist auch in Berlin geboren." "Deine Oma?" "Die lebt in Malatya."

Wir gucken Malatya. Oahhh! Sind das tolle Berge, der Taurus, das ist eine hohe Gebirgslandschaft dort, da kann Berchtesgaden nicht dagegen anstinken.

Also Malatya, Türkei. Zurück auf die Weltkarte. Norden/Süden? Norden. Osten/Westen? Osten. Zurück zur genaueren Türkeikarte. Zwischen welchen Breitengraden liegt Malatya? Ziemlich in der Mitte zwischen dem 36. und dem 40. Nun die Längengrade. Ziemlich genau auch da. Eine Quadratlage.

So ergibt sich für Malatya: 38 ° Nord / 38 ° Ost. Wir schauen noch die Koordinaten von Berlin nach: So ungefähr..53 ° Nord / 13° Ost. 

Dann ist die kurze Zeit leider vorbei. Aber Mario steht zuversichtlich auf. Er hat alles verstanden. Es war gar nicht schwer.  Nächstes Mal üben wir das und dann sitzt es. : )

Ich bekam heute einen SEHR schönen Gedanken zu lesen, er fand seinen Weg zu mir hin und ich habe ihn  mehrfach hin- und hergewendet. Er ging so:

Als Lehrerin bin ich zur Erziehung berechtigt. Ich bin berechtigt zu erziehen. Man hat mir das gegeben, das Recht, so in die Hand als Verantwortung. So habe ich das noch nie gesehen. Dieses Wort galt mir vorher nur für Eltern in formaler Hinsicht.

In Verbindung mit dem Lehrersein erhält das Berechtigtsein zur Erziehung etwas Inhaltliches, eine Dimension, die etwas von einer Gabe hat, etwas, das einem gegeben wurde,also anvertraut, etwas, das gar nicht kleinlich oder formal ist oder voller Zwänge und mit dem man wie mit einer Gabe, also verantwortlich,  umgehen sollte. So hatte ich das noch nie gesehen - vielen Dank für DIESEN schönen Gedanken!
Er hilft mir auf meinem Weg weiter.

Mittwoch, 12. September 2012

What a difference a day makes

Das Virus ist gebannt. (Musste nachsehen, der oder das?) Es wurde an den Lebenspartner weitergegeben, der seit heute früh die Symptome zeigt, die ich am Freitagmorgen erleiden musste. Das tut mir soo Leid! Ich dachte schon, er bekommt das nicht, er ist so trainiert, läuft, rennt und macht fünfmal in der Woche Tai-Chi.
Trotzdem. Es muss ein sehr aggressives Virus sein. Es ist nicht so, dass ich alles bekomme, was meine Schüler so mit sich herumtragen. Nicht unbedingt. Eigentlich habe ich viele Jahre Virustraining und so schnell bekomme ich keine Erkältung. Meist kommt noch ein Faktor dazu, dass ich anfällig werde, ein Virus zu übernehmen.
Aber seltsam. Als Marie vor mir stand und mir sehr nah war mit dem Gesicht, sie sagte da, sie habe Halsschmerzen, da fuhr es in mir zurück, so nah hatte ich das nicht haben wollen. Sie sah schon sehr zerrupft, erschöpft und müde aus.
Deshalb hatte ich vom ersten Moment an Respekt vor diesem Virus. Das war am letzten Donnertag gewesen.
Gestern verbrachten Mann und Sohn den Abend mit einem gemeinsamen Filmgucken. Hoffentlich hat H. sich das nicht jetzt auch noch eingefangen!!!
Morgen gehe ich wieder. Da fehlt man drei Tage, und dann fällt eine Elternversammlung aus, zwei Leuten  sagt man ab, eine Exkursion ebenfalls und bedauert, dass man sich keine Kontaktdaten von der Studentin hat geben lassen, die sicher umsonst am Abend zur Elternversammlung kam... 
An was man alles denken muss...
Ich habe es ohne Arzt geschafft. Drei Tage darf ich mich selbst entschuldigen. Eine Erkältung, so hieß es in meinem Gesundheitsbuch, erfordert keinen Arzt, jedenfalls nicht zur Heilung. Sie dauert mit Arzt eine Woche, sieben Tage ohne, sagt das Sprichwort. Man kann die Volkswirtschaft schonen, indem man nicht wegen allem zum Arzt rennt. Wenn die Virusinfektion sich zu einer bakteriellen ausweitet, dann ist ein Arzt vonnöten.
Ich habe getrunken, so viel wie noch nie in meinem Leben. Ich glaube, deshalb ging es so schnell. Ich habe keinen Tropfen Alkohol angerührt. Beim abendlichen Dunkelwerden habe ich mich ins Bett gerollt und ohne Licht auf den Schlaf gewartet. Habe die wunderbarsten kuriosesten und schönsten Träume gehabt jede Nacht. Jeden Tag war es ein merkliches Anders- und Besserwerden. Am Freitag das Halsweh. Am Samstag floss ich mit Schnupfen weg. Jetzt stieg es in den Kopf. Inhalieren, trinken, trinken, trinken, Wasser und Tee. Ruhe. Keine Gedanken. Die Welt bleibt draußen, nur hier und jetzt, Empfindung, Nähe, alles Andere weit weg. Dann  ganz viel Infrarotlicht, Ruhe, trinken, Inhalieren und der erste Spaziergang mit vielen Schwitzattacken, der Husten kam und war trocken und schmerzhaft, aber es bekam mir sehr gut. War etwa eine Stunde gehend unterwegs gewesen.
Heute waren es zwei Stunden Gehen. Der Husten ist lockerer geworden.
Ich glaube, man unterschätzt, wieviel Kraft der Körper benötigt, um einer Infektion entgegenzutreten. Ruhe und Trinken sind genial. Sie erleichtern das Gesundwerden sehr. (What a difference a day makes...)
Ich bin froh, dass ich so konsequent sein kann. Es ist mir im Moment egal, was meine Kollegen sagen werden, die in der Klasse vertreten haben. Waren sie zufrieden? Haben sie Mängel festgestellt? Etc. etc.
Es ist mir im Moment egal. Ich habe keine Kräfte übrig für noch solche Gedanken auch.
Nur das Twittern kann ich mir nicht ganz verkneifen, obwohl ich mich schon sehr zurückgehalten habe. Das kommt sicher nicht gut an, wenn man nicht zur Arbeit erscheint und twittert intensiv herum.
Mesut sagt mir immer, wenn jemand fehlt: "Sie ist den ganzen Abend auf Facebook gewesen..!"
Es ist mir egal. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Hoffe nur, Cherrii hat die Fische gefüttert, hatte sie angemailt deswegen, aber sie hatte mir nicht geantwortet, was sonst nicht ihre Art ist.
Gut, im schlimmsten Falle haben die Fische mal gefastet, etwas, das mir auch sehr bekommen würde. ; )
Morgen ist Donnerstag. Zwei Stunden Mathe. Das geht klar. Dann - hoffentlich ist Lars da - würde ich mich auf die Stunde mit Mario freuen. Es ist eine, meine einzige wöchentliche Förderstunde in diesem Jahr.
Bei der Besprechung der Lage von Punkten auf der Erdoberfläche nach Breiten- und Längengraden war er ein wenig schockiert gewesen, dass er es nicht verstanden hatte. Trotz einiger Hilfen von mehreren Personen hatte er es nicht verstanden. Es quält ihn ein wenig. Wahrscheinlich ist es der erste Punkt in seinem Schülerleben, wo er sich komplett machtlos fühlt und meint, sein Grips reiche wohl nicht aus, um das zu verstehen.
Wir hatten ein Gespräch gehabt. Ich hatte ihn ein wenig ausgefragt, wie er sich beim Lernen so sieht, wie er sich fühlt, ob es Punkte gibt, die ihn stören oder ob alles glattgeht. Reine Routine, es gab keinen besonderen Anlass.
Da hatte er diesen Punkt angesprochen. Er hatte das wohl  schon als unverstehbar abgehakt.
Das ist wie mit manchen Mädchen und Mathe. Es geht ja nicht nur um diesen einen materialen Punkt, es geht ums Selbstvertrauen. Die Zuversicht beim Lernen. Wenn ich mir sagen muss, dass es etwas gibt, das andere verstehen und ich nicht, dann halte ich mich für ein bisschen - na sagen wir mal- dumm. Dann habe ich beim nächsten Mal keinen unverstellten Blick auf die Sache, sondern es schiebt sich etwas dazwischen. Passiert das öfter, und wenn das erst einmal angefangen hat, wird es öfter passieren, dann wird die Nebelbank (Dissoziation nennt man das wohl) immer größer und dann entsteht ein negativer Kreislauf, dieser so genannte Pygmalion-Effekt.
Das fängt immer an einem sehr kleinen Punkt an, greift dann aber weiter um sich wie das Stück Fell an der Katze, das rasend schnell weiter filzt...Ich gebe zu, das ist kein guter Vergleich, aber das Fell  meiner Katze filzte so schnell um sich, verknotete sich in der Fläche, man konnte schier zusehen. Es hat mich mit allem Anderen, was auch noch zu machen war, letzte Woche 180 Euro gekostet. : (
Ich möchte morgen Mario spüren lassen, dass es verstehbar ist und dass er es versteht und beherrschen kann. Auch, wenn er es mir jetzt noch nicht glaubt.
Dafür brauche ich diese Förderstunde und wahrscheinlich noch eine. Um seine Gedanken zu entfilzen, will sagen, die Sache von der Angst zu trennen, die alles dann ununterscheidbar macht.
Danach habe ich eine Vertretungsstunde, und es geht in Ordnung, wenn ich vertreten muss. Ich musste auch vertreten werden. Das waren am Montag vier, am Dienstag drei und am Mittwoch vier Stunden. macht nach Adam Riese elf arme Kollegen, die für mich Vertretung schieben mussten.
Danach ist eine Stunde Teamgespräch. Zweiter Anlauf der Vorbereitung der Elternversammlung.
Und morgen ist noch die Tierschutz-AG. Da kommt Frau Dr. Pollack vom Tierheim Berlin. Das freut mich so sehr, dass sie in diesem Jahr wieder weiter macht mit unserer Mädchengruppe!!
Es ist bestimmt schon das vierte Jahr, dass sie in unserer Schule die Tierschutz-AG macht!

Hier ist der Link zum Tierheim:
Man kann das Tierheim mit seiner Gruppe besuchen und eine Führung bekommen.
Man kann Frau Pollack mit Pollo zu einer Stunde in die Schule bitten über den richtigen Umgang mit einem Hund. Und man kann sie fragen, ob sie einmal in die Klasse kommt und eine Lektion über die verschiedenen Formen der Hühnerhaltung und Produktion von Eiern hält. Das macht sie ganz wunderbar, und es ist hoch interessant: 
Bitte hier klicken:


Frau Dr. Ulrike Pollack erreicht man unter:
Kinder- und Jugendarbeit:    (030) 76888-119


Es ist interessant, hier einmal zu lesen und HIER sieht man Frau Pollack mit dem Therapiehund Pollo:
Beide kommen gern in Schulen:


Das Bild habe ich jetzt von der Tierschutzseite geklaut. Muss Dich, liebe Ulrike, jetzt fragen, ob das geht.......


Samstag, 8. September 2012

Stacheldraht im Hals und Meinungsfreiheit

Gestern wachte ich mit grauenhaften Halsschmerzen auf. Das heißt, sie hatten mich schon die halbe Nacht begleitet. So gegen vier Uhr dachte ich daran, um sieben Uhr anzurufen und mich "krankzumelden", weil es mir sehr schlecht ging. Die Fische würden auch mit drei Tagen ohne Futter klarkommen. Unsere Hausmeisterin ist krank, sie macht das sonst für mich, wenn ich mal verhindert bin.
Eigentlich müsste es doch gehen....Ich würde mich nach dem Anruf entspannt in die Kissen zurücklegen können und mich meinen Halsschmerzen widmen können....Vanessa? Vanessa kommt heute - na, dann muss sie eben mal Vertretung erleben. Ist nicht schön, aber nicht zu ändern. War da nicht noch was??? NEIIIIN! Heute kommt ja Frau Hüter, die Diagnostikerin, sie wollte mit Pablo noch einen Test zu Ende führen. Ihre Unterlagen hat sie in der Wollwerkstatt gelagert, da kommt sie dann nicht hinein, weil niemand in der Hausmeisterei ist...Ohhhh, ich wusste es, krank sein geht gar nicht...Jedenfalls nicht heute, wenn nicht alles daneben gehen soll. 

Also hoch mit dem Hintern,  und ab ins Bad! Der Schule erspare ich damit vier Vertretungsstunden. 

Was ich in dem Moment noch nicht wusste, war, dass ich mich telefonisch nicht hätte krank melden können, weil unser Konrektor und Vertretungsplanmacher selbst krank war und somit das Telefon um sieben Uhr nicht abheben konnte...

Vor längerem hatte ich ihn einmal gefragt:"Was machst Du, wenn Du selbst krank wirst?" Er meinte, dann kommt er trotzdem, macht den Plan  und geht danach nach Hause. "Das sind junge Leute," dachte ich mir, "die haben das alles noch im Griff."

Vor Jahren hatten wir an der Schule eine Gruppe Kolleginnen und Kollegen, die morgens den Vertretungsplan erstellten, jeder hatte einen Tag und wusste auch, wen er oder sie schnell anrufen kann, wenn man mal selber nicht kommen kann. Aber muss ich mich in alles einmischen? Solche Besserwisser, die immer Ratschläge erteilen, wo man sie vorher gar nicht gefragt hat, die mag ich auch nicht und wollte auch nicht so jemand sein.

Er war sich eben seiner Kräfte und Verfügbarkeit sehr sicher. Jeden Morgen ist er schon vor sieben Uhr da, bewundernswert, einer allein die ganze Woche...

Das Vertretungsplanerstellen ist manchmal sehr anstrengend, weil zu wenig Leute da sind, und wer nimmt schon gern allen Kollegen die Förderstunden weg??? Da ist man vor acht Uhr schon manchmal richtig vorgeglüht. Ich habe es damals gelassen, weil ich nicht die sein wollte, die alle Teilungsstunden zerreißt und Förderstunden in Vertretungsstunden umwidmet. Ich fand es interessant zu wissen, wie es geht und dass ich es auch konnte.

Aber wenn man ein Kollegium mit Durchschnittsalter 55 hat, wenn, HA: INKLUSION!!!, damals, als sie die sog. "Integration" von Sonderschülern an der Grundschule einführten, sie je Schüler mit 5 (FÜNF!!!) Förderstunden pro Woche BEGANNEN, wo sie wollten, dass wir noch mitziehen, wenn man bedenkt, dass wir jetzt HA: INKLUSION!!! bei nominell 1,8 Förderstunden pro Kind sind, von diesen 1,8 wird viel heruntergekürzt und ein großer Teil des Rests als Vertretungsstundenmasse verbraten, dann geht einem schon der Hut hoch, weil es SEHR unangenehm ist, mit Aufgaben befasst zu werden, die man nicht lösen KANN = Bürokratischer Sadismus: Blöd genug, wenn man zu doof ist, nicht Schulrat zu werden, nicht wahr? Ihr doofen kleinen Indianer?? Ätschbätschi, Ihr da unten....

Dass es Menschen gibt, die gerne Lehrer sind, die für diesen Beruf brennen, die nicht an irgendeinem Schreibtisch sitzen wollen und, weil das finanzielle und personelle Hemd hinten und vorn nicht passt, andere nicht verarschen wollen, das geht ihnen nicht ins Hirn hinein. 

Wenn dem nämlich nicht so wäre und wenn ich jetzt ungerecht wäre, dann würde es auf dieser Ebene  Protest geben. 

Es gibt aber keinen, eher findet man Leute, die vorher jahrzehntelang in der Gewerkschaft laue Proteste anführten, für ihre letzten Jahre in der Senatsverwaltung wieder und erhält von ihnen Papiere, die sie eigentlich nicht hätten unterschreiben dürfen, wenn das, was sie vorher sagten, ihre wirkliche Meinung gewesen wäre...

Ja, hallo, Ihr Bürokraten da oben, auch ein beamteter Lohnsklave darf eine Meinung haben, auch, wenn Ihr da vollkommen anderer Ansicht seid. : )

Aus diesen Gründen habe ich damals meine Kooperation am Vertretungsplan zurückgezogen. Die Zahlen stimmen nicht. Mit einem total überalterten Kollegium, mit einem Lehrerstundenstand von 95% KANN man nicht mehr human Vertretungspläne erstellen.

Im Grunde müsste die Lehrerstundenzahl an einer Schule sagen wir mal, 110 % betragen. Denn es ist immer jemand krank. Dann würden die Förderstunden unangetastet bleiben. Ach ja, das kostet ja Geld, und das Geld haben wir nicht und das Geld, das wir nicht haben, das werfen wir ja gerade in den märkischen Problem-BER-Sand.

Manchmal hat man das Gefühl: Sind wir ein "Schwellenland"? Oder ein sog. "Entwicklungsland" Es fühlt sich wie wirtschaftliche Armuts-Nachkriegsverhältnisse an, oder ist das  schon Vorkrieg??? Normalzustand ist so etwas jedenfalls nicht.
Aber wir haben das schon seit etwa fünfzehn Jahren und es wird immer schlimmer.

Alle Pensionierten sagen: "Ein Glück, dass ich  gehen konnte, als es noch Spaß gemacht hat!" - "Wie lange hast Du  noch?"

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Also, ich hebe meinen Hintern aus dem Bett, wackele ins Bad und bin um halb acht in der Schule, wie es sich gehört.
Ich weiß, ich kann heute nicht richtig Dampf machen, der Hals tut weh, habe so Kreislaufschwächen, sage das den Kindern und gebe ihnen mehrere Aufgaben, deren Reihenfolge des Bearbeitens sie selbst bestimmen können - bitte immer gemeinsam die Dinge lösen und untereinander um Rat fragen!
So geht es dann los.

 Zuerst die Frage, wie es gestern war, ob es noch etwas zu besprechen gibt oder ob wir gleich loslegen.
Marie wurde in dieser Woche nicht mehr geärgert. Aufatmen. Also hat die harte Linie etwas gebracht! :) Ich hatte sie allein gefragt, nicht vor der Klasse. 
Selena freut sich sehr auf das Schwimmen nachher:
Sie geht am Nachmittag mit einer Gruppe des Jugendzentrums Wasserturm ins Spreewaldbad schwimmen. 
Die Kinder entziffern die Aufschrift auf meinem Hemd. "There are 10 types of people...those who understand binary and those who don't."
Those, diese da - Uhh, ich muss jetzt systematisch Pronomen üben, aber bald!
Manche Grammatikthemen lasse ich lange liegen, sie lernen sich leicht und mit weniger Zeitaufwand oder Versagensgefühlen, wenn man später rangeht, wenn das abstrakte und formale Denken (nach Piaget) schon im Ansatz entwickelt ist. Aber jetzt ist's wirklich höchste Zeit, dass die Schüler die anderen Pronomen neben den Personalpronomen kennen lernen. Diese fehlen ja auch im Englischunterricht. 

Die Kinder wissen, dass die "10" Types binary gelesen werden, also "2" bedeuten. Es gibt 2 Arten von Leuten, solche, die den Binärcode verstehen und solche, die nicht...

Gleich schließen wir ein paar Zahlenaufgaben an, so wird das Hirn beweglich, das sind gut angewendete fünf Minuten. Einigen macht es Spaß, sie finden es nicht schwer, anderen ist es wohl zu weit weg vom Gewohnten. Ali ist brilliant bei dem Sujet, er, Bastian, Peter und Hans sind Feuer und Flamme - wo sind die Mädchen bei der Sache? Lucy macht das ganz gut, Selena ebenfalls. Nun geht es aber doch ein wenig zu sehr durcheinander. Ein paar Jungen rufen Zahlen in die Klasse und nehmen das Ergebnis vorweg, das geht so nicht.

Ich sage ihnen, dass ich mir jetzt einen negativen Strich an die Tafel gebe für jedes Hineinrufen, auf das ich reagiert habe. Einmal haue ich noch daneben und habe einen Strich an der Tafel, aber danach ist die Antwortdisziplin wieder hergestellt.

Wir haben eine Geste, die signalisiert, dass ich es auch wusste, wenn ich nicht drankam, das ist ein leichtes Klopfen auf die eigene Schulter: Prima, das wusste ich auch! Das ist besser als "Oooohhh" zu rufen, wenn ich nicht aufgerufen wurde.

Wir legen gleich los. Vanessa ist heute ebenfalls gekommen und hilft tatkräftig mit. Zuerst hilft sie Mario. Dann geht sie mit Selena und Scherii in den Nebenraum, die beiden tragen ihr ihr Referat vor. Das ist ihre Generalprobe. Mathe, Erdkunde oder Naturwissenschaft (Referate vorbereiten), jeder beginnt mit etwas. Frau Hüter erscheint und nimmt Pablo mit. Wenn sie wüsste, dass ich mich wegen ihr hierhergequält habe..

Ich setze mich hin und korrigiere diesen fiesen Mathetest, der kein Ende nehmen will. Irgendwann fragt Ali:"Kann ich auch korrigieren? Ich mache es auch richtig, auch wenn es mein Freund ist..." und in meiner Not denke ich:"Warum nicht?"  

Ali nimmt sich einen roten Stift, ich gebe ihm Peters Arbeit als Vorlage für die Kontrolle. Dann geht es schneller. Nun wollen auch Messi und Mesut kontrollieren und am Ende des Schultages sind alle Arbeiten kontrolliert!!!! Das ist nun keine Klassenarbeit, sondern eine Lernkontrolle. Außerdem schaue ich das auch noch einmal nach, aber es hilft!!

Es hat mich so motiviert, dass ich mit Stacheldraht im Hals und Schnupfnase am Nachmittag im Bett sitze und ALLE Arbeiten überprüfe, die Notenbereiche festlege und die Noten gebe. HURRA! Das war echtes Teamwork!!
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Wir haben drei Schwierigkeitsgrade beim Lernen, die "Bäumchen", das sind die einfachen und nicht so umfänglichen Aufgaben. Die "Sonnen" sind mittelschwer und die "Monde" müssen mehr an Umfang und eine größere Schwierigkeit bearbeiten. Dabei können die "Sonnen" auch mehr arbeiten und sich in den Mondbereich hineinbegeben. Manchmal muss oder möchte man auch wechseln. Dass es nach oben offen ist, erbringt sehr viel Lerneifer und Ausdauer.
So sieht eine Testauswertung in drei Stufen aus:
Es ist ein bisschen wackelig, weil es im Bett liegend erstellt wurde:

Bäumchen: 110 Punkte, Sonnen 168, Monde 180

Man sieht, es ist sehr gut ausgefallen. Das Thema waren verschiedene Aufgaben, die ein Grundverständnis von Brüchen und einfachste Rechnungen mit Legen der Bruchstücke unterstützt, aufzeigen oder, wo es noch hapert und gefördert werden muss, damit das Rechnen mit den Brüchen, das jetzt beginnt, auch vom Verständnis her begleitet werden kann.
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Vor der ersten Pause baten Scherii und Selena alle in den Erzieherraum und brachten ihr Referat. Es war sehr gut, informativ und die Lernenden gut aufbereitet. Ich hätte eine 2+ gegeben, weil ich mit der "1" sehr sparsam bin, aber Vanessa meinte, das ist eine "1". Vanessa ist in Freiburg zur Schule gegangen und studiert Gymnasiallehrerin, wenn so jemand sagt, das ist eine 1, das ist das eine 1. Prima! Pause.
Nach der Pause sprach Frau Hüter mit mir über die Förderkinder. Sie wollte noch in der Klasse weiter Beobachtungen sammeln. Ja, was soll man da sagen? Klar, machen Sie das!
Das Arbeiten ging so weiter, war sehr harmonisch und konfliktlos. In solchen Momenten muss ich immer an ein Buch von Peter Ramsauer denken, der Titel heißt "Durch Unterricht erziehen".
Ich glaube, wenn Kinder in Situationen Handlungsspielräume haben und nicht immer am Gängelband laufen müssen, nimmt auch die Aggressivität ab und die Sozialität zu. Das verknüpfe ich mit einem solchen Titel.
Vanessa sagt mir Schönes über den Unterricht, das, was ihr gefällt, das tut gut. Die Firma lobt ja nicht. Die Firma nervt nur. Mit Firma meine ich nicht unsere Schulleitung. Die gibt sich verdammt viel Mühe und macht das gut.
Jetzt ist die Erkältung im Kopf angekommen, nach der Schnupfenflut setzt es sich jetzt oben drinne fest. Gut, dann die Bronchitisphase, und dann ist es überstanden. Bloß, es wird mindestens das ganze Wochenende lang dauern. Mist. Kein Lesen, keine Schafe besuchen, Megamist.
Hallo Markus, Dir auch gute Besserung! Hoffentlich bist Du am Montag wieder um 7 Uhr da, falls ich anrufen muss.... ; ) 

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Mittwoch, 5. September 2012

Häuptlinge- und Indianerspiele

Nun versuche ich mich einmal, an den heutigen Tag zu erinnern. Der Mittwoch. Habe schon so dreißig Seiten im "Mann ohne Eigenschaften" gelesen, und das war eine große Entspannung.
Es ist wichtig, "abzuschalten", in einen anderen Modus überzutreten. Das gelingt nicht immer gleich gut. Gut ist es, ein Buch zur Verfügung zu haben, in dem man rasend gern liest. Dann ins Bett legen und dann fallen einem irgendwann die Augen zu, nach einer halben Stunde erwacht man wieder als ein anderer Mensch als der, als der man eingeschlafen ist.
Es ist wirklich nicht in Ordnung, dass ich über gestern berichtete "Nerds" - schönes Thema! und erwähnte doch nicht, dass irgendwann Kerstin da war, die Druckerei aufbaute und mit Cherrii und Bastian druckte, einfach so. Mann, was bin ich ihr dankbar dafür!!! Sie macht es einfach so, es ist nicht zu glauben.
Matti, der auch kam, ihm musste ich beichten, dass ich es noch nicht geschafft hatte, die Grundgesetze zu bestellen. Er meinte, er macht das dann mal und verschwand mit mehreren Schülern in die Bibliothek zum Lesen. Ja, es ist so: Der Dienstag ist der Tag, auf den ich mich riesig freue. Wenn Matti und Kerstin kommen! <3  <3  Und..

Nun müssen nur noch Thekla und Louise gesund werden, sie vermisse ich auch sehr. Louise hatte einen Fahrradunfall, muss sich auskurieren und Thekla muss sich von einer Operation erholen. Gute Besserung für Euch beide! Ich freue mich so und die Kinder auch, wenn Ihr wieder da seid!!! <3  <3

Es ist wunderschön, wenn Menschen sich für uns interessieren, die es nicht müssten. Deshalb ist der Dienstag mein Lieblingstag der Woche!

Also, was war heute? Jedes Mal, wenn man berichtet, dann geht trotzdem unglaublich viel verloren. Eigentlich passiert sehr viel an einem Tag, auch sehr viel Schönes, das sind so kleine Dinge, und die zerrinnen einem wie Wasser in der Hand. Ich bewundere Menschen, die sie behalten und aufschreiben, z.B. Fräulein Krise.


Es ist so lebendig. Ich müsste mir hin und wieder etwas notieren, aber ich verliere mich immer so in der betreffenden Situation, dass mir vieles entfällt.

Also heute. Mittwoch. Die ersten beiden Stunden hatte ich frei. Es war Englisch. War um 7 Uhr da, nein: Binär 111 !
Ging in die Klasse, öffnete erst einmal in den Gängen alle Fenster, auf zwei Stockwerken, dann die im Klassenraum, dann eines im Freizeitraum, der liegt schräg gegenüber, da kann die Luft zirkulieren.

Es ist nötig, das Plastikhaus zu öffnen. Die Wandfarbe heißt übrigens Latex und es ist verstreichbare Plastiktüte. Atmet null, kein Luftaustausch, lässt den Atem stocken. Vielleicht bin ich auch nur besonders empfindlich. In der Evolution der Zumutungen sterben solche wie ich dann aus. Survival of the less sensitive, um es mal sehr höflich auszudrücken. Mir fiele da auch noch Anderes ein.

Vor kurzem las ich einen Artikel über Schulinspektionen. Wir hatten die ja auch mal da. Saßen so in der Klasse, 20 min, mit Ankreuzbögen und wir bekamen keine Rückmeldung, nicht persönlich, aber insgesamt eine nicht so dolle Beurteilung.

Ich wüsste wirklich gern, auf was die Wert legen.
Die Kriterien. Das muss man doch irgendwo nachlesen können, oder? Aber das sind auch nicht die Art Texte, die ich eigentlich liebe...

Ich habe ihnen einen Text präsentiert, den könnte ich ja hier einmal einstellen. Er war sehr hart. Ich wurde dann zur Dienststellenleiterin zum Gespräch bestellt und musste mir einen Rechtsanwalt zur Seite holen, um ihnen Eindruck zu machen. Ich glaube, ohne den RA wäre die Sache nicht so glimpflich abgelaufen. Vor ihm hatten sie den Respekt, den sie vor mir allein nicht hatten. 

Ich hatte ihnen zeitgemäßes totalitäres Verhalten vorgeworfen, so in Soft-Version, worauf sie an meinem Demokratieverständnis zweifelten und das Ganze sich in etwas gefährliche Zonen bewegte... 

Die ganze Sache hat mich ca. 500 Euro gekostet, aber es hatte sich gelohnt. Ich hatte mich nicht verstellt, nicht gebuckelt, hatte ihnen eine Antwort gegeben. Das hat mich stärker gemacht.

Die kommen nächstes Jahr wieder. Hi, vielleicht schreibe ich auch für Euch... Schulinspektion.

Ich habe nichts dagegen, wenn inspiziert wird. Man kann über alles reden und sie dürfen mich auch beurteilen. Aber das Verfahren ist so, dass wir keine Stimme haben, es rollt über uns hinweg, es ist nicht dialogisch und wir sind erwachsene Menschen mit einer Berufshistorie. Ich finde das nicht angemessen. Ich lasse nicht so mit mir umspringen.

Und dann wird alles quantifiziert. 0101010101010101
Das ist ja sinnvoll, wo es sinnvoll ist. Aber hier ist es nicht sinnvoll. Es ist ein ganz gemeines Top-Bottom-Verfahren, geht von oben nach unten und wir sind für sie nur Flitzpiepen, über die die, die sich beizeiten aus der Praxis davongestohlen haben, richten. 

Wie überhaupt ja jeder fähige Mensch in ihren Augen sich aus der Praxis der "Indianer", wie uns nennen, in die Sphäre der "Häuptlinge" davonmacht und aufsteigt. Jeder, der "unten" bleibt, ist für sie ein Idiot, nicht gleichberechtigt und doof. Was soll man mit solchen auch reden.

In toto: Sie verachten uns. Gelebter Zynismus.

Ich tröste mich immer damit, dass ich mir sage, Menschen, die so ticken, die können gar nicht glücklich sein, nicht in den privatesten Momenten...Die Rache der kleinen Lehrerin.
So geht das aber  nicht. Nicht mit uns!

So ist das aber bei Senatens. Sie infantilisieren uns, behandeln uns wie Kinder, nur weil wir den Beamtenstatus haben. Deshalb sollen wir uns ducken und das Maul halten. 

Dabei könnten wir so schön unseren Mund mal wirklich aufmachen. Was diese Zeitungen, diese Hofberichterstatter vom "Tagesspiegel" und der "Berliner Zeitung" schreiben, das sind alles Potemkinsche Dörfer. Nur Pappe, dahinter ist nichts als das blanke Grauen.

Der schöne Schein reicht ihnen allen. Inklusion. Ha! JÜL! Ha! Ganztagsschule! Ha! 

KeinGeldkeinGeldkeinGeldseit30JahrenkaumLeute
eingestelltDurchschnittsalter55aberwirwissenja,wo
dasGeldhingehtwiehießderTypLandowski,nunBER
achBerlin,rotzfrechundgroßeTönespuckenundgar
garnichtsdahinterzumHeulenistdasneinichbinnicht
besoffen.

Eigentlich hatte ich ein anderes Thema. Mein Mittwoch. In den ersten beiden Stunden korrigierte ich den Mathetest. Na, ich habe so fünf, sechs Kinder "geschafft". Noch ein bisschen Bürokratie - die Hälfte hat ihr Buchgeld nicht bezahlt bzw. keine Papiere vorgezeigt, dass sie es nicht bezahlen müssen, 30 Minuten für die Mahnschreiben.

Das wären zwei Korrekturen gewesen.
Und dies und das. Bibliothekskartenanträge für den 12.9. kopieren, später austeilen. Man glaubt nicht, was man alles als Lehrer für einen Kleinkram regeln muss, der in der Berufsbeschreibung eigentlich nicht vorgesehen ist.

Elternversammlungszettel abheften, Liste führen, schauen, was die einzelnen mitbringen, das muss ich dann organisieren und zusammenführen. Soll ja auch ein bisschen nett sein am Dienstag.

Schauen, ob der Brief an Bastians Mutter im Schülerbogen hängt - tut er. Hier Pflanzen gießen, Fische füttern, da etwas ordnen usw.

In der 3. Stunde erst mal Eintrag ins Mitteilungsheft für die Eltern:"Bitte 8 Euro für die Jahreskarte BVG mitbringen, falls Sie nicht Berlin-Card-Inhaber sind!" Berlin-Card-Inhaber zahlen zahlen gar nichts mehr, das ist ein weiterer Antrag, der bei der Schulleitung einzureichen ist. 

FUCK! Bin ich die Hilfstussi vom Arbeitsamt? Ja, Minna, von Frau Leyens Gnaden. Dabei ist sie gar nicht vom Bildungsministerium. Doch im System stört das keinen.

Dann Weiterarbeit an den Referaten. Habe eine Liste mit Stichworten entwickelt, die die einzelnen Gruppen durchgehen, helfe hier und da, "Wo ist Galapagos?", tönt es plötzlich. Sie haben es dann selbst gefunden.

In der 4. Stunde schauen wir einen Lehrfilm über Leben und Überleben in der Natur. Dort kommt Galapagos auch vor. Ich muss Wissen schaffen, zu Hause finden Gespräche kaum  statt, nicht solche Gespräche. Es ist kaum auszuhalten, wie wenig die Schüler wissen. Sie vermissen es auch nicht, das ist noch schlimmer. Mein Gott, wenn sie irgendwann mal aus ihrem Kreuzberg-Ghetto rauskommen...Solche Filme sind sehr gut geeignet, besonders, wenn man nachher darüber spricht. 

Lucy macht es sich mit einer Caprisonne auf dem Sofa bequem und wird von mir aufgestört. Das ist ein Lehrfilm, Lucy!!!

Pause, Aufsicht.

5. Stunde Lesen in der Steinzeitlektüre, nein, sie handelt von der Steinzeit, 6. Stunde Rechtschreibübungen. So langsam müsste ich mal einen Aufsatz anleiern. Vorgangsbeschreibung hatten wir. Was jetzt?

In meinem Fach liegen zwei dicke Hefte mit Lernzielen, was die Schüler am Ende der 6. Klasse alles können sollen. Herzkasper. Schon wieder.

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 Zeit: 7 Uhr bis 14 Uhr : 7 Stunden (Bloggen nicht mit dabei.)

Der Nerd als solcher

Der Dienstag. Wahlpflichtunterricht. Leider keine Fotos. Eine Schülerin war sehr dominant und missachtete das, was ich ihr gesagt hatte. "Sprich bitte deutsch, ich möchte es auch verstehen." Nachdem sie das ein paarmal so gemacht hatte, sagte ich ihr, sie soll hinausgehen. Mit einfach nur Sagen war sie nicht zu beeinflussen.
Die Kinder bearbeiten untereinander oft sehr stark ihre Identitätsfragen "Bist Du Türke, bist Du Araber?" "Hallo, Ihr seid das, aber Ihr seid alle Deutsche. Ihr seid hier geboren, Ihr habt den deutschen Pass haben wollen, Ihr habt ihn bekommen, wieso bezeichnet Ihr Euch ständig als Türken und Araber?" Am Ende kam noch etwas gegen Chinesen. Sie sind ganz voll davon. Wer flüstert ihnen das ein?
Danach ging alles sehr gut. Wir sprachen auf dem Gang miteinander. Ich sagte ihr, ich fühle mich nicht respektiert und ich möchte, dass es so und so ist. Dann war das kein Problem mehr.
Wir verbrachten sehr schöne Zeit beim Nähen von Beuteln. Die Mädchen hatten noch nie genäht. Es gefiel ihnen, sie sagten später, es habe ihnen Freude gemacht. "Meine" Jungen können sowieso nähen. Das haben sie schon in der 3. Klasse gelernt.
Danach war Mathe, wir bruchrechneten mit viel "Schmackes", wie man "bei uns" im Hunsrück sagt. ;)
- Also ich bin ja genauso, fällt mir grade auf.
Marie zeigte viel Einsatz und schöne Leistungen im Förderunterricht, ebenso Pablo. Übrigens, Pablo, ne: Er hat im EK-Test eine 2 geschrieben. HAMMER!!! Niemand hätte ihm das zugetraut. Viel Aufhebens macht er aber auch nicht davon. Ging einfach so drüber weg.
Dann war noch eine Stunde Deutsch Lesen, wir arbeiteten weiter am 3. Kapitel. Es ging um eine Nacht im Wald mit den Geräuschen und wie der Steinzeitjunge mit seiner Angst umgeht. Sehr intensiv war das. Ich konnte aus eigener Erfahrung berichten, denn ich besitze im Hunsrück ein Häuschen am Wald, das ganz allein steht und wenn man da nachts ganz allein schläft, dann...geht es einem so ähnlich.
Ich erzählte also, wie mich zuerst der Marder störte, bis ich begriffen hatte, dass es keine Gefahr gibt, so lange er herumwieselt und zu hören ist, da war er meine Alarmanlage geworden und ich konnte ruhiger schlafen mit seinen Geräuschen. Irgendwann war ich damit fertig, und da fingen die Kinder an zu klatschen - wie bitte?? "War schön," meinten sie.
Vorher hatten wir noch eine Sternstunde: Kasia und Lucy trugen richtig fette Hornbrillen. "Sehr nerdig, die Dinger!" Sie guckten so. - "Ihr wisst doch, was ein Nerd ist??" Sie wussten es nicht. So entwickelten wir gemeinsam das Bild des Nerds, der Schlabberhosen anhat, blass ist, vielleicht'n bisschen dick, sich mit Pizza aus der Schachtel und Cola ernährt und dauernd vor dem PC hockt, aber nicht nur als User, denn er kann ja auch coden...
Am Nachmittag googlete ich das alles bei wiki, um zu sehen, ob ich das richtig erzählt hatte und weil ich nicht wusste, woher das Wort "Nerd" kam.

Weiß der Teufel, wie wir auf Leibniz kamen. Jedenfalls kamen wir auf Leibniz. Natürlich! Wegen: Digital. Weil der Nerd ja ein Digital Native ist und nicht ein Digital Immigrant wie ich zum Beispiel.
Und was "digital" heißt, das heißt, auf dem binären Code aufbauend. Bi, zwei: 0 und 1, 0 = kein Strom, 1 = Strom. So entstehen Wege, Ja-Nein-Wege in Beantwortung von Problemen, also Algorithmen entstehen. Wie das Spiel, bei dem man etwas mit Ja oder nein errät.
Ja, und Leibniz als Quasierfinder des Zweiersystems ist sozusagen der Opa der Computerei, wenn Konrad Zuse, ein Kreuzberger, als sein Vater anzusehen ist.
Dann gings los mit dem Zweiersystem. Hach!! ist DAS schön. Einige haben es verstanden. Das Schöne daran ist, dass man kapiert, wie willkürlich die Setzung der Zehn als Grundlage unseres Zahlensystems ist. Es könnte auch die Sieben sein oder die Fünf oder eben die Zwei.

Dann war es 

           1010.10101 Uhr . Alles klar? 10 Uhr 21
Den ganzen Nachmittag suchte ich meine binäre Nerd-Armbanduhr, fand sie aber nicht. Und bestellte mir dann DIESES TOLLE SHIRT:

Yay, heute bekam ich die Nachricht: Es ist schon unterwegs! In zwei Tagen kreuze ich damit in der Schule auf.

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Arbeitszeit Dienstag: 7 Uhr bis 13 Uhr: 6 Std. 
Mir fehlen also  an meinen täglichen 7 Stunden noch 1 1/2. Muss ich mit der Ferienarbeit verrechnen - oder fleißiger werden.